Steckbrief: Stein von Einang (Oppland, N)

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Inschrift:   [?]daga(3? ti)ʀrunofaihido |
Standardausgabe:   KJ63; NIæR5
Archäologische Datierung:   160-440
Aufbewahrungsort:   in situ
Kommentar:   Archäologische Datierung: Der Stein stammt von einem Grabhügel auf einem größeren Gräberfeld. Wegen der nahegelegenen, ähnlich proportionierten und untersuchten Hügel ist wahrscheinlich von einer Stellung des Runensteins im Zeitraum vom späten 2. Jh. bis zum frühen 5. Jh. (Periode C1b-D1) auszugehen (Ilkjær 1990, Kat.-Nr. 141-143).
Archäologischer Text:  

Stein von Einang

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Der runenbeschriftete Stein vom Gehöft Einang, Vestre Slidre kommune (Oppland), im ostnorwegischen Landesinneren unmittelbar östlich vom Slidrefjord gelegen, wurde im Jahr 1871 bekannt und 1872 erstmals untersucht. Der Fundplatz in einem topographisch und archäologisch markanten Gebiet verfügt über ein sehr umfangreiches Gräberfeld, das in Teilabschnitten des ersten nachchristlichen Jahrtausends genutzt wurde. Der Stein befand sich auf einem beraubten Grabhügel, der einen Durchmesser von etwa 13 m hatte und lediglich Kohlereste und das Bruchstück eines unbestimmbaren Eisengeräts enthielt. Aufgrund des Erhaltungszustands der Inschrift wurde angenommen, daß der Stein bald nach der Aufstellung auf die beschriftete Seite gefallen und dort liegen geblieben war. Diese Annahme könnte durch die örtliche Überlieferung bestätigt werden, der zufolge der Stein wieder aufgerichtet wurde, um die Grenze zwischen den Gehöften Einang und Nesja zu markieren. Die Zugehörigkeit des Steins zu dem Grabdenkmal erscheint plausibel, doch wegen der vermuteten Wiederaufrichtung in jüngerer Zeit läßt sich nicht sicher belegen, daß der Stein bei seiner Entdeckung unverändert in originaler Position auf dem Hügel lag (vgl. die Steine von Barmen, Järsberg, Skåäng und Krogsta, die sich bei ihrer Auffindung ebenfalls in situ befanden; Olsen/Schetelig 1914-1924, 64-66; Bugge 1891-1903, 74-76; Sloman 1971, 107, 115).

2. Inschriftobjekt
Der Runenstein aus zu Absplitterungen neigendem, grobem Schiefer (Höhe: 1,47 m; Breite oberhalb der untersten Rune: 1,05 m; Dicke: 13-18 cm) hat eine mittig ausbauchende und sich nach oben verjüngende Form (Bugge 1891-1903, 75f.; Krause/Jankuhn 1966, 143).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die Inschrift auf der einen Breitseite des Steins (Länge: 66 cm, Runenhöhe: 7 cm) verläuft von oben nach unten und ist eingeritzt. Aufgrund der porösen Steinart ist sie besonders am Anfang stark beschädigt (vgl. die Abb. bei Moltke 1938, Pl. XXV); vor der ersten zu erkennenden Rune ist wahrscheinlich eine Platte abgesprungen. Da man in Anbetracht des leicht verwitternden Materials eigentlich mit einer viel stärkeren Zerstörung der Inschrift rechnen müßte, wurde angenommen, daß der Stein lange Zeit auf der beschrifteten Seite gelegen hatte (Bugge 1891-1903, 75-78; Krause/Jankuhn 1966, 143). Um die Inschrift vor weiterer Verwitterung zu schützen ist der Stein seit einiger Zeit überdacht (Slomann 1971, 107).

4. Verbreitung und Datierung
Das Objekt gehört zu den insgesamt 32 Runensteinen, die aus Norwegen bekannt sind und zum überwiegenden Teil einst zu Grabdenkmälern gehörten (Norwegische Runensteine). Wegen der gut datierten Waffengräber aus nahegelegenen, ähnlich proportionierten Hügeln ist wahrscheinlich von einer Stellung des Runensteins im Zeitraum vom späten 2. bis zum frühen 5. Jh. n. Chr. (Periode C1b-D1 der Römischen Kaiserzeit) auszugehen (Ilkjær 1990, Kat.-Nr. 141-143).

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Die zum Einang-Stein gehörende Grablege ist sozialgeschichtlich wegen des Grabhügel-Durchmessers (13 m) als Bestattung der örtlichen Oberschicht aufzufassen. Das umfangreiche Gräberfeld von Einang, eines der größten in Ostnorwegen, umfaßt heute rund 660 Hügel, hatte jedoch ursprünglich eine noch größere Zahl von Grabdenkmälern. Aus dem zentralen Teil des Gräberfelds stammen 20 Oberschichtgräber, die sich anhand der Hügelgröße (Durchmesser: 10-15 m) und zum Teil anhand der Beigaben zu erkennen geben. Die Untersuchung von drei derartigen Hügeln nahe der Bestattung mit dem Runenstein legte Waffengräber aus dem Zeitraum vom späten 2. bis zum frühen 5. Jh. n. Chr. frei, wobei die darin Bestatteten wegen der eisernen Schildbuckel dem unteren Militärrang von Illerup zuzuweisen sind (Hougen 1944; Slomann 1971; Bemmann/Hahne 1994, Kat.-Nr. 50-52). Im Gräberfeld kamen auch weitere bemerkenswerte Funde zutage, z. B. zwei Goldringe (Andersson, Kent 1993, Kat.-Nr. 735; 736). Die Anzeichen für eine dichte und bedeutende Besiedlung des Gebiets unmittelbar östlich vom Slidrefjord (500-750 m über NN) sind wahrscheinlich auf die Lage an einer wichtigen Landverbindung von Ost- nach Mittelnorwegen (Trøndelag) zurückzuführen. Einang hatte jedoch im Vergleich zu anderen ostnorwegischen Ballungsräumen mit einer Vielzahl bedeutender Funde, z. B. dem küstennahen Tune bzw. Åker am Mjøsa-See, eine nur nachrangige Position (vgl. einführend zu Åker: Rolfsen 1992; 2000).

Literatur
Andersson, Kent 1993; Bemmann/Hahne 1994; Bugge 1891-1903; Hougen 1944; Ilkjær 1990; Krause/Jankuhn 1966; Moltke 1938; Olsen/Schetelig 1914-1924; Rolfsen 1992; Rolfsen 2000; Slomann 1971.

Oliver Grimm (letzte Bearbeitung 2008)

 

 

 

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