Steckbrief: Bügelfibel von Erpfting (Bayern, D)

Diese Seite drucken
 
Inschrift:   lda ˈ gabu |
Standardausgabe:   NoR18
Archäologische Datierung:   540-590
Aufbewahrungsort:   Archäologische Staatssammlung, Museum für Vor- und Frühgeschichte, München (Inv.-Nr. 1998, 4246)
Kommentar:   Inschrift: Düwel/Pieper (2003, 15) sehen neben der eigentlichen Inschrift noch "eine weitere Ritzung rechts oberhalb vom Nadelhalter, die sich wie eine dreiteilige u-Rune ausnimmt, aber wohl keine eigentliche Rune darstellt, sondern als probatio pennae gelten mag". Archäologische Datierung: Typologisch datieren die Bügelfibeln dieses Typs in die Mitte oder das zweite Drittel des 6. Jh.s (Martin 2004, 178; Wührer 2004, 314-317). Die Lage zwischen den Oberschenkeln ist eher für die Jahrzehnte nach 550 typisch, so daß die Grablege vermutlich in dieser Phase erfolgte (Koch 2001, 211).
Archäologischer Text:  

Bügelfibel von Erpfting

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Bügelfibel von Erpfting (NoR16), Landkreis Landsberg am Lech, Oberbayern, Bayern, stammt aus dem Reihengräberfeld am Ort. Erpfting ist heute ein Teil von Landsberg am Lech und liegt an der Grenze Oberbayerns zu Schwaben-Allgäu auf der Lechschotterebene. Durch den Ort verläuft die alte römische Fernstraße Via Claudia Augusta, die die wichtigste Verbindung zwischen dem süddeutschen Raum und Norditalien war. Durch Baumaßnahmen wurde 1997 südlich des Ortes Erpfting ein merowingerzeitliches Reihengräberfeld entdeckt. Bis zur Entdeckung waren bereits zahlreiche Gräber unbemerkt zerstört worden. Bis 1998 wurden anschließend durch einen Kreisheimatpfleger und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege 188 Gräber mit 196 Bestattungen untersucht (Wührer 2004, 305). Damit ist das Gräberfeld jedoch nicht vollständig ausgegraben worden, vielmehr ist lediglich im Norden die Grenze des Friedhofs erfaßt worden. Das Gräberfeld wurde in der Mitte des 5. Jh.s angelegt und bis ins späte 7. Jh. hinein genutzt (Wührer 2004, 317f.).
Das silberne Bügelfibelpaar, zu dem die Fibel mit Runeninschrift gehört, stammt aus dem Frauengrab 104, das im nördlichen Teil des Friedhofs lag. Die erwachsene Tote war in einem Holzsarg bestattet worden (Wührer 2004, 310). Das Bügelfibelpaar wurde im Beckenbereich aufgefunden (Düwel/Pieper 2003, 14). Die Tote trug die paarigen Fibeln demnach am Gehänge (Wührer 2004, 316f.). Zudem lagen in dem Grab noch eine Bronzenadel, zahlreiche Perlen aus Glas, Bergkristall und Bernstein, zwei S-Scheibenfibeln im Brustbereich, eine bronzene Kolbendornschnalle, eine Reihe von 13 Paar punzverzierten Silberplättchen, die wohl zum Gehänge gehörten, das in einer Rauchquarzkugel endete. Zudem besaß die Frau noch ein zweites Gehänge und eine Strumpfgarnitur (Wührer 2004, 311).
Die Fibel befindet sich derzeit in der Archäologischen Staatssammlung München.

2. Inschriftobjekt
Die Fibel (Inv.-Nr. 1998,4246) hat eine Länge von 8,7 cm und eine maximale Breite von 5 cm. Sie ist aus Silber gegossen und feuervergoldet. Auf der Rückseite ist eine sehr kurze Armbrustkonstruktion mit Nadel und anhaftenden Lederriemen vollständig erhalten geblieben (Wührer 2004, 313). Der Bügel ist nur kurz und sehr flach gewölbt. Die Fußplatte wurde leicht trapezförmig gestaltet und ist sehr lang. Über den Bügel und die Fußplatte verläuft ein durchgehender Wulst mit einfacher Kerbverzierung. Er endet kurz vor dem Abschluß der Fußplatte in einem s-fömigen Wirbel. Am Fuß ergibt sich aus dem Mittelsteg und seitlichen, schrägen Linien ein Federmuster (Wührer 2004, 313). An der halbrunden Kopfplatte sind sieben profilierte Knöpfe mit angegossen. Dazu ist sie mit einem regelmäßigen Rautenmuster im Kerbschnittdekor verziert. Die Fibel ist stark abgerieben (Wührer 2004, 313).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die Runeninschrift ist auf der Rückseite des Fibelfußes angebracht. Sie verläuft unterhalb des Nadelhalters entlang der linken langen Seite des Fibelfußes und reicht bis an die kurze Seite des Fußes heran. Die einzelnen Zeichen sind bis zu 8 mm hoch und klar lesbar (Düwel/Pieper 2003, 14). Über den Anbringungszeitpunkt liegen keine Erkenntnisse vor.

4. Verbreitung und Datierung
Die umfangreichen Beigaben ermöglichen eine vergleichsweise präzise zeitliche Einordnung der Bestattung. Die Kolbendornschnalle gehört in das dritte Viertel oder in die Mitte des 6. Jh.s, die Perlen sind ebenfalls typisch für die Mitte und die zweite Hälfte des 6. Jh.s (Wührer 2004, 313f.). Typologisch datieren die Bügelfibeln dieses Typs in die Mitte oder das zweite Drittel des 6. Jh.s (Martin 2004, 178; Wührer 2004, 314-317). Die Lage zwischen den Oberschenkeln ist eher für die Jahrzehnte nach 550 typisch, so daß die Grablege vermutlich in dieser Phase erfolgte (Koch 2001, 211). In dieser Zeit hatten die Bügelfibeln ihre eigentliche Verschlußfunktion verloren und dienten lediglich dekorativen und repräsentativen Zwecken. Hinweise auf eine mögliche ethnische Ansprache gibt das Gürtelgehänge mit den 13 Paar punzverzierten Plättchen, das in einer Rauchquarzkugel endet. Es ist ein Element der langobardischen Frauentracht, kommt allerdings auch im Rheinland und in Südwestdeutschland vielfach vor  (Wührer 2004, 314).

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Aufgrund der ausstehenden Gesamtbearbeitung des Gräberfeldes ist die Stellung der Toten innerhalb der dort bestattenden Gesellschaft nicht sicher zu ermitteln. Martin (2004, 191) betrachtet die paarigen Bügelfibeln aus Silber jedoch als wichtiges Statussymbol, das den Damen der Oberschicht vorbehalten war. Das Frauengrab 104 ist bislang das reichste Grab der Nekropole. Es ist zudem ein Beleg für einen germanischen Zuzug in einen romanisch geprägten Friedhof (Wührer 2004, 310). Es ist demanch davon auszugehen, daß die Tote in Grab 104 über Wohlstand und eine gehobene soziale Position verfügte.

Literatur:
Düwel/Pieper 2003; Koch 2001; Martin 2004; Wührer 2004.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

[weiteren Steckbrief ansehen]