Steckbrief: Scheibenfibel von Aschheim II (Bayern, D)

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Inschrift:   (k)ahi |
Standardausgabe:   NoR18
Archäologische Datierung:   550-600
Aufbewahrungsort:   Geschichtlich-Heimatkundliche Sammlung Aschheim (Inv.-Nr. A1998/221_1)
Kommentar:   Archäologische Datierung: Die Fibel gehört zu einem Typ, der in die Zeit zwischen 530 und 570 n. Chr. datiert, aber noch bis etwa 610 vorkommt. Die Bestattung ist demnach in die Mitte und die zweite Hälfte des 6. Jh.s zu datieren.
Archäologischer Text:  

Scheibenfibel von Aschheim II

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Scheibenfibel von Aschheim (NoR 18) ist eines von drei Objekten mit Runeninschrift aus dem Gräberfeld von Aschheim-Bajuwarenring, Gemeinde Aschheim, Landkreis München, Bayern (siehe auch Bügelfibel von Aschheim I und S-Fibel von Aschheim III). Das Reihengräberfeld in der Münchener Schotterebene wurde erkannt, als 1997 in einem Baugebiet frühmittelalterliche Objekte geborgen wurden. Direkt im Anschluß wurden die ersten 14 Gräber entdeckt und 1998 mit systematischen Ausgrabungen begonnen, die weitere 430 Bestattungen erbrachten (Gutsmiedl 2005, 199). Das Gräberfeld wurde vollständig ausgegraben, wobei am westlichen Rand im Vorfeld eine unbekannte Anzahl von Gräbern durch den Kiesabbau zerstört worden war. Zu den Besonderheiten des Bestattungsplatzes gehören die ungewöhnlich zahlreichen Mehrfachbestattungen, insgesamt sind es 27 Doppelgräber, 4 Dreifachgräber und je ein Vier- und ein Fünffachgrab (Gutsmiedl 2005, 199).
Die runenbeschriftete Scheibenfibel lag in dem Doppelgrab 220/221. Sie gehörte zur Ausstattung der weiblichen Toten in Grab 221. In Grab 220 lag eine Frau bestattet, die wahrscheinlich im maturen Alter (40-59 Jahre) verstorben war. Ihr waren Perlen, eine Schnalle, ein Eisenring, ein Kamm, ein Messerchen und eine durchlochte Steinscheibe mitgegeben worden (Gutsmiedel 2007/2008, 228-230). In Grab 221 lag eine frühadulte Frau (20-26 Jahre), der eine Granatscheibenfibel, über 150 Perlen, zwei Münzanhänger, ein goldener Anhänger mit Granateinlagen, zwei Schnallenbügel, ein fragmentierter Ring, ein Millefioriwirtel, ein Messer, zwei Schuhschnallen und eine weitere Fibel, von der jedoch nur noch der Nadelhalter erhalten war, beigelegt wurden (Gutsmiedl 2007/2008, 228-234).
Die Funde befinden sich in der Heimatkundlichen Sammlung Aschheim.

2. Inschriftobjekt
Die silberne Scheibenfibel mit Vergoldung (Inv. Nr. A1998/221_1) lag am Unterkiefer der Toten und hatte einen Durchmesser von etwa 3 cm. Sie ist in einem dreiteiligen Aufbau gegliedert. An der Vorderseite war die Fläche in zwei umlaufende Ringe aus einzelnen Zellen unterteilt worden, die mit 12 dünnen Granatscheibchen ausgelegt waren. Einzig zwei sich gegenüber liegende Zellen im Zentrum der Fibel waren stattdessen mit kleinen Perldrahtapplikationen auf Silberblech versehen. Die Granate sind mit gewaffelter Golblechfolie hinterlegt (Gutsmiedl 2007/2008, 230).

3.Anbringung und Zustand der Inschrift
Die rechtsläufige Runensequenz wurde bei Restaurationsarbeiten entdeckt. Sie ist auf der Rückseite der Scheibenfibel direkt unterhalb des Nadelhalters angebracht, sie beginnt dicht am Rand und endet etwas nach der Mitte. Die einzelnen Runen sind dabei etwa 6 mm hoch (Düwel/Pieper 2003, 11). Die Zeichen werden nach oben hin von einer kräftig eingeritzten Linie begrenzt.

4. Verbreitung und Datierung
Die Fibel gehört zu einem Typ, der in die Zeit zwischen 530 und 570 n. Chr. datiert, aber noch bis etwa 610 vorkommt. Die Perlen aus Grab 221 gehören zu einer Perlengruppe aus der Zeit zwischen 530 und 600/610 (Gutsmiedl 2007/2008, 235). Die Bestattung ist demnach in die Mitte und die zweite Hälfte des 6. Jh.s zu datieren.

5. Kulturgeschichtliche/Sozialgeschichtliche Interpretation
Nachdem für eines der Mehrfachgäber (Grab 166/167) die Pest als Todesursache nachgewiesen werden konnte, spricht viel für die Vermutung, daß alle Mehrfachbestattungen in Verbindung mit einer Pestepidemie zu sehen sind, zumal ihre Datierung vergleichsweise einheitlich ist (Düwel/Pieper 2003, 13; Gutsmiedl 2005, 199-208). Die umfangreiche, wertvolle Ausstattung der Toten in Grab 221 spricht für den Wohlstand der zugehörigen Familie. Möglicherweise läßt sich daraus auch eine gehobene soziale Stellung der Toten ableiten.

Literatur:
Düwel/Pieper 2003; Gutsmiedl 2005; 2007/2008.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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