Steckbrief: Kamm von Lauchheim (Baden-Württemberg, D)

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Inschrift:   (1?)dag |
Standardausgabe:   NoR13
Archäologische Datierung:   510-590
Aufbewahrungsort:   Alamannenmuseum Ellwangen
Kommentar:   Archäologische Datierung: Der Kamm stammt, zusammen mit weiteren Beigaben, aus Grab 1007. Aufgrund des Beigabenensembles und der Lage der paarigen Bügelfibeln im Bereich zwischen den beiden Oberschenkelknochen läßt sich das Grab in das zweite Drittel des 6. Jh.s datieren. Eine entsprechende Trachtlage ist erst in der Mitte des 6. Jh.s charakteristisch (Koch 2001, 211).
Archäologischer Text:  

Kamm von Lauchheim

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Der Kamm von Lauchheim (NoR 13) stammt aus dem großen Reihengräberfeld von Lauchheim, Ostalbkreis, Baden-Württemberg, aus dem noch ein weiteres Objekt mit Runeninschrift (Bügelfibel von Lauchheim) überliefert ist. Die kleine Deutschordensstadt Lauchheim im Albvorland liegt verkehrsgünstig im Jagsttal. Schon zu römischer Zeit wurde ein naher Paß über die Alb als wichtiger Fernweg genutzt (Stork 2001a, 132). In den Gewannen „Mittelhofen“ und „Breite“ wird seit 1989 eine große Siedlung des 6. bis 12. Jh.s großflächig untersucht. Neben etwa 140 Hausbefunden konnte auch ein isoliert am Siedlungsrand liegender Herrenhof erfaßt werden (Stork 1995, 37-62; 1997, 306f.; 2001a, 133ff.; 2001b, 325ff.). 200 m talaufwärts lag das dazugehörige Bestattungsareal. Das Gräberfeld im Gewann „Wasserfurche“ wurde 1986 im Zuge von Neubaumaßnahmen entdeckt. Bis 1996 wurden vom Landesamt direkt im Anschluß an die Entdeckung Rettungsgrabungen durchgeführt, die zur vollständigen Untersuchung des Fundplatzes führten. Das Areal hatte eine Ausdehnung von 1,5 ha, auf denen insgesamt 1308 Bestattungen (von ursprünglich maximal 1400 Bestattungen [Stork 2001a, 132]) erfaßt werden konnten. Diese waren in der Zeit zwischen 450/480 und 660/680 n. Chr angelegt worden. Der Friedhof repräsentiert damit theoretisch eine Bevölkerungsgruppe von 250-300 Personen, die sich jedoch anhand der Gräber nicht homogen über den Belegungszeitraum verteilt: Tatsächlich ist im 5. und 6. Jh. von deutlich weniger, im 7. Jh. von mehr gleichzeitig Lebenden auszugehen (Stork 2001a, 132). Die annähernd rechteckige Form des Friedhofs und der geradlinige Verlauf deuten auf eine Umhegung des Areals und damit auf eine systematische Anlage des Bestattungsplatzes sowie die Planung für mehrere Generationen im voraus. Ab dem späten 5. Jh. zeigt sich eine Gruppe überdurchschnittlich reicher Bestattungen auf dem Gräberfeld. Diese Toten verteilen sich über den gesamten Belegungszeitraum und machen mit insgesamt 53 Gräbern etwa 4% aller Grablegen aus (Stork 1995, 18; 2001b, 323). Die wohlhabenden Bestattungen liegen oft in Gruppen beieinander und repräsentieren möglicherweise sozial gehobene Familienverbände.
Der Dreilagenkamm mit Runeninschrift stammt aus Grab 1007. Er lag zusammen mit Resten eines Gürtelgehänges am linken Oberschenkel, direkt oberhalb des Knies. Zusätzlich waren in dem ungestörten, 1994 ausgegrabenen Grab noch folgende andere Beigaben enthalten: zwei identische Almandinscheibenfibeln; zwei bronzene Bügelfibeln mit rechteckiger Kopfplatte im Bereich zwischen den beiden Oberschenkelknochen; eine Kette aus Glas-, Bernstein- und Hämatitperlen, dazu noch eine gelochte Hirschgrandel und eine Meerschaumperle; drei Goldanhänger mit tordierter Fadenauflage; eine große Bernsteinprunkperle; zwei Bergkristallkugeln; eine bronzene Gürtelschnalle; mehrere kleine Bronzeringe; ein silberner Armreif mit verdickten Kolbenenden; ein silberner Sieblöffel mit Drahtaufhänger; ein silberner Fingerring mit gepunzter Platte sowie Kreuzzeichen und der lateinischen Inschrift „VIVA S[gepunktet] N“ (Düwel 1998c, 17); eine kleine Silberschnalle und verschiedene kleine Silberbeschläge; eine einzelne Eisennadel in Schulterhöhe; eine Bronzenadel mit Ring; eine Bronzekapsel mit ovaler Öffnung; eine Tigerschnecke (cyprea tigris) mit Bronzering; verschiedene kleine Bronzeniete und einzelne Perlen, die vermutlich zum Bekleidungsbesatz zu rechnen sind, sowie diverse unbestimmbare Metallfragmente und ein stark zerscherbtes Keramikgefäß im Fußbereich. Die vermutlich bereits ältere weibliche Tote war in einem engen Holzsarg in Preßlage, also mit stark angedrückten Armen, beigesetzt worden.
Die Funde befinden sich derzeit im Alamannenmuseum Ellwangen.

2. Inschriftobjekt
Der beinerne, zweiseitige Dreilagenkamm lag vollständig erhalten im Bereich der Reste eines Gürtelgehänges am linken Oberschenkel der Toten. Der eng beieinander liegende Fundkomplex wurde bei der Grabung als eingegipster Block geborgen und erst einige Jahre später vollständig bearbeitet, wodurch die Inschrift nur mit Verzögerung erkannt werden konnte. Auf den Griffplatten sind lediglich einfache Linien als Verzierung angebracht.

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Etwa in der Mitte der Griffplatte sind vier Zeichen eingeritzt, die eindeutig als Runen identifiziert werden können. Die Stäbe der einzelnen Runen gehen teilweise nach unten über die Zierlinie heraus und stören diese (Düwel 1998c, 16). Möglicherweise läßt sich daraus auf eine Anbringung der Inschrift nach Fertigstellung des Kammes schließen.

4. Verbreitung und Datierung
Aufgrund des Beigabenensembles und der Lage der paarigen Bügelfibeln im Bereich zwischen den beiden Oberschenkelknochen läßt sich das Grab in das zweite Drittel des 6. Jh.s datieren. Eine entsprechende Trachtlage ist erst in der Mitte des 6. Jh.s charakteristisch (Koch 2001, 211). Die rechteckigen Kopfplatten der beiden großen Bügelfibeln deuten auf nordische Einflüsse auf die heimische Produktion von Fibeln hin, die etwa seit der Mitte des 6. Jh.s faßbar werden (Martin 2004, 178f.).

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Die Tote in Grab 1007 gehörte sicherlich einer gehobenen sozialen Schicht an, wie u. a. der silberne Sieblöffel zeigt. Er diente zum Abseihen von Würzkräutern aus dem Wein, offenbar waren romanische Tischsitten übernommen worden und wurden praktiziert (Stork 2001b, 324). Auch die übrigen Beigaben sind in ihrer Zusammensetzung als ungewöhnlich reich anzusprechen und unterstützen diese Annahme. Insbesondere das umfangreiche Amulettmaterial in dem Grab stammt teilweise aus weit entfernten Regionen. So wurden die Bergkristallperlen vermutlich in südalpinen Schleifereien hergestellt und die Tigerschnecke (cyprea tigris) aus dem östlichen Mittelmeerraum importiert (Stork 1995, 18f.). Bemerkenswert ist zudem das gleichzeitige Vorkommen einer runischen und einer lateinischen Inschrift innerhalb eines geschlossenen Grabkomplexes.

Literatur:

Düwel 1998c; Koch 2001; Martin 2004; Stork 1995; 1997; 2001a; 2001b.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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