Steckbrief: Goldring von Pietroassa (Osteuropa, RO)

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Inschrift:   (g)ut(ani 1?)[0-1?](wi 0-1?)h(a)i(l)ag | (0-?) |
Standardausgabe:   KJ41
Archäologische Datierung:   410-440
Aufbewahrungsort:   Muzeul Național de Istorie a României, Bucuresti
Kommentar:   Träger: Das Original ist nur in Bruchstücken erhalten. Fundort: In der Forschungsliteratur finden sich verschiedene Schreibungen des Namens (Pietroasa, Pétrossa, Petreosa, Petroessa); die heutige Schreibung ist Pietroasele. Vereinzelt wird der Fundort auch mit Buzeu angegeben Archäologische Datierung: Der Goldreif gehörte zu einem Hortfund, der ursprünglich weitere Goldobjekte (u.a. fünf Goldgefäße, einen cloisonnierten Halskragen, einen weiteren Ösenhalsring, drei kleinere Adlerfibeln. eine große, reich verzierte Adlerfibel) umfaßte und aufgrund des Verzierungsstils der Objekte und der enthaltenen Trachtelemente in die 1. Hälfte des 5. Jh.s datiert wird (Tomescu 1994, 230; Harhoiu 2003, 148). Der Schatzfund wird zudem in der neueren Literatur mit Gainas, einem römischen General gotischer Abstammung in Verbindung gebracht. Dieser wurde im Jahr 400 auf dem Rückweg nordwärts in Dakien von den Hunnen ermordet (Tomescu 1994, 230; Nedoma/Pieper 2003, 153). Edition (online): http://www.raa.se/cms/showdocument/documents/extern_webbplats/2006/mars/13_stenkyrka.pdf
Archäologischer Text:  

Goldring von Pietroassa

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Der Goldring von Pietroassa (KJ41), Kr. Buzău, Rumänien, wurde 1837 nahe eines Steinbruchs am Osthang des Berges Istriza (östliche Walachei) entdeckt. Er gehörte zu einem Hortfund, der nördlich des Dorfes Pietroassa aufgefunden wurde. Über die genauen Gründe der Niederlegung liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. Insbesondere der Goldreif mit der Runeninschrift gab dennoch vielfach Anlaß zu Verknüpfungen der Niederlegung mit historischen Ereignissen (zusammengefaßt bei: Krause/Jankuhn 1966, 94f.; Harhoiu 1977, 29ff.; Nedoma/Pieper 2003, 153ff.). Der Befund soll nur gering eingetieft gewesen sein und lag in einem organischen Behältnis zwischen zwei Steinen und unter einem Kalksteinblock. Die genaueren Fundumstände sind lediglich aus den späteren Schilderungen der Finder bekannt, die die Objekte zunächst versteckten, um sie anschließend zu verkaufen. Von den ursprünglichen 22 Stücken konnten nur 12 im Museum von Bukarest wieder zusammengeführt werden. Diese hatten insgesamt ein Goldgewicht von 19 kg, waren jedoch teilweise durch die Finder stark zerstört. Neben dem runenverzierten Ösenhalsring umfaßt der Schatzfund auch noch fünf Goldgefäße, einen cloisonnierten Halskragen, einen weiteren Ösenhalsring, drei kleinere Adlerfibeln und eine große, reich verzierte Adlerfibel. Ein weiterer Halsring, nach Aussage der Finder möglicherweise ebenfalls runenverziert, ist verschollen (Krause/Jankuhn 1966, 92; Tomescu 1994, 230). 1875 wurde der Schatz von einem einheimischen Goldschmied aus dem Museum in Bukarest gestohlen und konnte nur mit starken Beschädigungen wieder sichergestellt werden. Insbesondere wurde der Ösenhalsring mit Runeninschrift in Mitleidenschaft gezogen, von dem nur noch zwei Fragmente auffindbar waren (Nedoma/Pieper 2003, 153). Im Verlauf des 1. Weltkriegs verschwand das Fundensemble abermals, tauchte aber 1956 in Moskau wieder auf. Heute befindet es sich im Rumänischen Nationalmuseum in Bukarest.

2.  Inschriftobjekt
Die Runeninschrift befindet sich auf einem goldenen Halsring, der vor der Beschädigung infolge des Diebstahls 1875 mit einem Haken- und Ösenverschluß versehen war. Der Ring hatte einen Durchmesser von etwa 16 cm. Auf beiden Seiten des Verschlusses war eine 15-16fache Umwicklung mit Golddraht angebracht. Der Halsring ist aus einem glatten, an den Enden schmaler werdenden Rundstab mit einem Durchmesser von 1-1,5 cm gefertigt. Lediglich zwei Bruchstücke sind aufgrund der bewegten Fundgeschichte heute noch erhalten. Eine genaue Untersuchung der Zerlegung ergab, daß der Halsring zunächst mittels einer Axt rechts und links der Inschrift durchtrennt wurde. Danach teilte man die Inschrift mit einer Zange annähernd mittig bei der 7. Rune in ein 9 cm und ein 10 cm langes Stück (Krause/Jankuhn 1966, 91; Nedoma/Pieper 2003, 153). Die genannte Rune ist dadurch nur noch fragmentarisch erhalten.

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die rechtsläufige Inschrift liegt dem Verschluß leicht seitlich versetzt gegenüber an der dicksten Stelle des Ringstabes. Je nachdem wie der Reif getragen wurde, war sie klar sichtbar auf der Schauseite oder vollständig verdeckt auf der Rückseite angebracht; nach Harhoiu (1977, 13) handelt es sich um die Schauseite. 1855 wurde die Inschrift als runisch erkannt (Krause/Jankuhn 1966, 92). Die Anbringung der  Inschrift auf dem Halsreif geschah mit zwei verschiedenen Techniken. Der erste Abschnitt (Rune 1-6) wurde mit einem sehr feinen Messer in die Oberfläche gepunzt, während der Rest geritzt und gestichelt ist (Nedoma/Pieper 2003, 154). Die Runen wurden nachweislich einen längeren Zeitraum vor der Niederlegung angebracht, denn an den einzelnen Zeichen sind keinerlei Grate erkennbar, wie sie bei einer frischen Gravur zwangsweise vorhanden wären (Nedoma/Pieper 2003, 154). Ein Bezug der Inschrift direkt auf den Vorgang der Niederlegung kann deshalb ausgeschlossen werden.

4. Verbreitung und Datierung
Die einzelnen Objekte des Schatzfundes zeigen eine hohe Qualität und orientieren sich an spätrömischen Traditionen, die möglicherweise als Hinweis auf byzantinische Werkstätten betrachtet werden können (Tomescu 1994, 230). Entsprechende Halsringe in verschiedenen Varianten zeigen in der ersten Hälfte des 5. Jh.s eine weite Verbreitung von Westeuropa bis nach Sibirien (Keller 1967, 115ff., Abb. 4). In geschlossenem Fundkontext finden sie sich ausschließlich in Männerbestattungen (Keller 1967, 116). Der Schatzfund von Pietroassa datiert aufgrund des Verzierungsstils der Objekte und der enthaltenen Trachtelemente in die 1. Hälfte des 5. Jh.s (Tomescu 1994, 230; Harhoiu  2003, 148).

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Der Hortfund beinhaltet Gefäße und Schmuckstücke, beide hatten aufgrund der prächtigen Ausführung und der dargestellten Figuren vermutlich einen zeremoniellen Charakter (Tomescu 1994, 230). Aus Gold gefertigte Ösenhalsringe sind ein typisches Kennzeichen reicher Männergräber der ersten Hälfte des 5. Jh.s (Keller 1967, 116ff.). Das Symbol ist weit verbreitet und gilt als Darstellung des Führungsanspruchs, möglicherweise auch als heidnische Priesterinsignie oder militärisches Machtsymbol der Spätantike (Capelle 1968, 231; Harhoiu 1977, 13f.; 2003, 150).
Der Schatzfund von Pietroassa wird zudem in der neueren Literatur mit Gainas, einem römischen General gotischer Abstammung in Verbindung gebracht. Dieser wurde im Jahr 400 auf dem Rückweg nordwärts in Dakien von den Hunnen ermordet (Tomescu 1994, 230; Nedoma/ Pieper 2003, 153).

Literatur:

Capelle 1968; Harhoiu 1977; 2003; Keller 1967; Krause/Jankuhn 1966; Nedoma/Pieper 2003; Tomescu 1994.

Annette Siegmüller

(Stand: 2008)

 

 

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