Steckbrief: Scheidenmundblech von Bergakker (Westeuropa, NL)

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Inschrift:   ha(2?)þ(3?)s ˈ ann ˈ k(1?)sjam ˈ log(1?)ns ˈ |
Standardausgabe:   NoR12
Archäologische Datierung:   360-440
Aufbewahrungsort:   Museum Het Valkhof, Nijmegen
Kommentar:   Fundort: In der Literatur wird auch die Fundortbezeichnung "Tiel-Bergakker" verwendet. Archäologische Datierung: Der Fund stammt aus einer Siedlung des späten 4. und frühen 5. Jh.s und datiert in das frühe 5. Jh., möglicherweise auch noch in das ausgehende 4. Jh. (Looijenga 1999c, 141; Odenstedt 1999, 164; Seebold 1999a, 157).
Archäologischer Text:  

Scheidenmundblech von Bergakker

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Das Scheidenmundblech von Bergakker (NoR 12), Provinz Gelderland, Niederlande, wurde im Frühjahr 1996 von einem Amateurarchäologen bei Begehungen mit einem Metalldetektor gefunden. Der Fundort liegt in der Nähe des Ortes Kerk-Avezaath, westlich der Stadt Tiel, in der Betuwe, einem Naturraum zwischen Niederrhein und Maas. Die Betuwe wird von der Waal durchflossen und ist durch besonders fruchtbare Böden gekennzeichnet. Das Scheidenmundblech wurde an einer Biegung des kleinen Flüßchens Linge gefunden. Die Betuwe gehörte während des 4. Jh.s nicht zum friesischen Gebiet, sondern wurde von einer vollständig romanisierten Bevölkerung kontrolliert, bis der Limes um 400 n. Chr. fiel und die Region von verschiedenen germanischen Stämmen überrannt wurde (Looijenga 1999c, 142).
Der Fundplatz Bergakker war im 2. und 3. Jh. ein Opferplatz, der durch einen römischen Altarstein (bereits 1950 entdeckt) sicher nachgewiesen werden konnte. Bislang ist unbekannt, wie lange diese Nutzung andauerte (Looijenga 1999c, 145); im unweit gelegenen Tempel von Empel (20 km südlich von Bergakker) scheint es im 4. Jh. nach dessen Zerstörung zum Abbruch des Kultes gekommen zu sein. Systematische Begehungen im Umfeld der Fundstelle Bergakker ergaben weitere Metallfragmente (hauptsächlich aus Bronze), wie verschiedene Münzen, zahlreiche Fibeln, ein Fragment einer Bronzestatue, ein Eisengewicht, ein medizinisches Instrument, Schmuckobjekte, ein silbernes Votivplättchen und diverse weitere Objekte und Fragmente (auch Schmelzreste), die auf Basis der Fibeln überwiegend in das 1. bis 5. Jh. datiert werden und durchaus im Kontext mit dem Heiligtum gesehen werden können (Looijenga 1999c, 146f.). Es muß jedoch auch eine profane Deutung des Komplexes, als Restedepot zum Umschmelzen, in Betracht gezogen werden (Bosman/Looijenga 1996, 9f.; Looijenga 2003b, 317; Quak 1997a, 15; 1997b, 39). Wegen des Materialwertes der gefundenen Objekte erscheint die Bezeichnung „Abfallplatz“ (Seebold 1999a, 157) jedoch  unpassend und unwahrscheinlich.
Das Objekt befindet sich im Museum het Valkhof, Nijmegen, Niederlande. 

2. Inschriftobjekt
Das Scheidenmundblech (oberer Abschluß der Schwert- oder Dolchscheide) ist überwiegend aus vergoldetem Silber gefertigt. Die unverzierte Rückseite ist von der Vergoldung jedoch ausgenommen. Das Objekt ist 8,3 cm lang und 1,4 cm hoch. Der obere Rand ist umlaufend rechtwinklig nach außen gebogen, wobei die Kante an der „Schauseite“ etwas breiter gestaltet ist. Im vorderen Bereich ist der umgebogene Rand mit Halbkreisen und Punkten versehen. An der Vorderseite sowie den beiden gebogenen Schmalseiten ist das Scheidenmundblech mit Halbkreisen und Punkten sowie Graten und Riefen flächig ornamental verziert. Diese bilden an der Front ein breites, u-förmiges Muster, während die Seitenteile einfacher, mit parallelen, plastischen Wülsten gestaltet sind. Bosman zieht in Betracht, daß es sich bei dem Objekt selbst nur um ein Fragment handelt, da auf dem umgebogenen oberen Rand ein weiteres, verziertes Stück aufgebracht gewesen sein könnte; dies würde die dort angebrachte Verzierung allerdings verdecken. Außer zwei Kerben am unteren Rand des Scheidenmundblechs sind keine Gebrauchsspuren feststellbar. (Bosman/Looijenga 1996, 9). 

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die rechtsläufige Runeninschrift ist auf der glatten, unverzierten Rückseite des Mundbleches mit einem scharfen Gerät klar und tief eingeschnitten worden. Die Inschrift füllt den zur Verfügung stehenden Raum annähernd vollständig aus. In der linken Hälfte ist sie einzeilig angebracht, die Köpfe der Runen grenzen an den oberen, umgebogenen Rand, zum unteren Rand hin bleibt mehr Raum. Die Zeichen werden hier von links nach rechts höher, die letzten drei Zeichen schließlich nehmen die volle Höhe ein. In der rechten Hälfte sind die Runen doppelzeilig angebracht, wobei die beiden Zeilen durch einen langen, annähernd waagerechten Strich klar getrennt wurden. In der unteren Zeile mußten die Zeichen zunehmend gedrungen ausgeführt werden, um noch Platz zu finden. Am Ende der unteren Zeile ist eine Zickzacklinie als Abschluß eingeritzt, vermutlich um den freien Platz auszufüllen (Bosman/Looijenga 1996, 10). Alle Zeichen sind deutlich erkennbar, nur im vorderen Teil der Inschrift haben einige Zeichen im oberen Bereich durch Korrosion gelitten. Über den genauen Zeitpunkt der Anbringung der Inschrift gibt es keine sicheren Erkenntnisse. Möglicherweise wurde die Ritzung erst angebracht, nachdem das Objekt aus römischem Besitz geraubt wurde (Quak 1999, 175).

4. Verbreitung und Datierung
Die Herkunft des Fundstücks wird verschiedentlich diskutiert. Das Scheidenmundblech ist möglicherweise provinzialrömischer Herkunft und steht in direktem Zusammenhang mit der Militärausrüstung (Quak 1997a, 17). Die Ornamente auf dem Mundblech finden gute Parallelen im norddeutschen und nordgallischen Raum (Looijenga 1999c, 141). Ein besonders guter Vergleich ist aus Gennep, Provinz Limburg, bekannt. Dieser Fund stammt aus einer Siedlung des späten 4. und frühen 5. Jh.s, die von germanischen Einwanderern errichtet wurde (Bosman/Looijenga 1996, 9; Looijenga 1999c, 141; 2003b, 317). Das Scheidenmundblech aus Bergakker datiert in das frühe 5. Jh., möglicherweise auch noch in das ausgehende 4. Jh. (Bosman/Looijenga 1996, 10; Looijenga 1999c, 141; 2003b, 317).

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Aufgrund des engen Bezugs zum römischen Militär vermutet Quak (1997a, 17; 1999, 175), daß es sich bei dem Träger des Stückes um einen Germanen in römischen Diensten handelte. Diese Interpretation deckt sich mit der starken Germanisierung der römischen Armee im Verlauf des 4. Jh.s. Ein Scheidenmundblech aus Edelmetall ist sicherlich zur gehobenen Militärausstattung zu rechnen. Eine genauere Einordnung des sozialen Ranges des Trägers ist aber nicht möglich. Inwiefern das Objekt in Zusammenhang mit einem Opferplatz gesehen werden muß, ist bislang ungeklärt; ein entsprechendes Szenario entwirft jedoch Looijenga (1999c, 147). 

Literatur:
Bammersberger 1999d; Bosman/Looijenga 1996; Looijenga 1999c; 2003b; Quak 1997a; 1997b; 1999; Seebold 1999a.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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