Steckbrief: Bügelfibel von Lauchheim (Baden-Württemberg, D)

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Inschrift:   aonofada |
Standardausgabe:   NoR12; Düwel/Stork ?
Archäologische Datierung:   540-590
Aufbewahrungsort:   Alamannenmuseum Ellwangen
Kommentar:   Archäologische Datierung: Stork (1997, 299) faßt die Datierung mit einer Zeitspanne vom Ende das 5. bis zur 2. Hälfte des 6. Jh.s sehr weit. Die rechteckigen Kopfplatten der beiden großen Bügelfibel deuten jedoch auf nordische Einflüsse auf die heimische Produktion von Fibeln hin, die etwa seit der Mitte des 6. Jh.s faßbar werden (Martin 2004, 178-179). Nach Roth/Theune (1988, 23-24) sind Imitate nordischer Fibelfomen charakteristisch für die Zeitphase zwischen 550 und 580 nach Chr. Es darf daher von einer Datierung in das zweite Drittel des 6. Jh.s ausgegangen werden. Diese Einschätzung stimmt auch mit der Lage der Fibeln zwischen den beiden Oberschenkelknochen überein. Eine entsprechende Trachtlage ist erst in der Mitte des 6. Jh.s charakteristisch (Koch 2001, 211).
Archäologischer Text:  

Bügelfibel von Lauchheim

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Bügelfibel von Lauchheim (NoR 12) stammt aus dem großen Reihengräberfeld von Lauchheim, Ostalbkreis, Baden-Württemberg, aus dem auch eine weiteres Objekt mit Runeninschrift (Kamm von Lauchheim) überliefert ist. Die kleine Deutschordensstadt Lauchheim im Albvorland liegt verkehrsgünstig im Jagsttal. Schon zu römischer Zeit wurde ein naher Paß über die Alb als wichtiger Fernweg genutzt (Stork 2001a, 132). In den Gewannen „Mittelhofen“ und „Breite“ wird seit 1989 eine große Siedlung des 6. bis 12. Jh.s großflächig untersucht. Neben etwa 140 Hausbefunden konnte auch ein isoliert am Siedlungsrand liegender Herrenhof erfaßt werden (Stork 1995, 37-62; 1997, 306f.; 2001a, 133ff.; 2001b, 325ff.). 200 m talaufwärts lag das dazugehörige Bestattungsareal. Das Gräberfeld im Gewann „Wasserfurche“ wurde 1986 im Zuge von Neubaumaßnahmen entdeckt. Direkt im Anschluß an die Entdeckung führte das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg bis 1996 Rettungsgrabungen durch, in deren Verlauf der Fundplatz vollständig untersucht wurde. Das Areal hatte eine Ausdehnung von 1,5 ha, auf denen insgesamt 1308 Bestattungen (von ursprünglich maximal 1400 Bestattungen [Stork 2001a, 132]) erfaßt werden konnten. Diese waren in der Zeit zwischen 450/480 und 660/680 n. Chr angelegt worden. Der Friedhof repräsentiert damit theoretisch eine Bevölkerungsgruppe von 250-300 Personen, die sich jedoch anhand der Gräber nicht homogen über den Belegungszeitraum verteilt: Tatsächlich ist im 5. und 6. Jh. von deutlich weniger, im 7. Jh. von mehr gleichzeitig Lebenden auszugehen (Stork 2001a, 132). Die annähernd rechteckige Form des Friedhofs und der geradlinige Verlauf deuten auf eine Umhegung des Areals und damit auf eine systematische Anlage des Bestattungsplatzes sowie die Planung für mehrere Generationen im voraus (Stork 1995, 10f., Abb. 3). Ab dem späten 5. Jh. zeigt sich eine Gruppe überdurchschnittlich reicher Bestattungen auf dem Gräberfeld. Diese Toten verteilen sich über den gesamten Belegungszeitraum und machen mit insgesamt 53 Gräbern etwa 4% aller Grablegen aus (Stork 1995, 18; 2001b, 323). Die wohlhabenden Bestattungen liegen oft in Gruppen beieinander und repräsentieren möglicherweise sozial gehobene Familienverbände.
Die Bügelfibel mit Runeninschrift stammt aus der Bestattung 911. Die Tote war in einem Holzsarg in ein Holzkammergrab gelegt worden. Obgleich das Grab bereits zur Zeit der Grablege oder kurz danach beraubt wurde, enthielt es noch ein umfangreiches Inventar, bestehend aus: zwei großen Bügelfbeln mit rechteckiger Kopfplatte, die zwischen den Oberschenkelknochen direkt unterhalb des Beckens lagen (eine davon mit Runenritzung); zwei ähnlichen Almandinscheibenfibeln in Rosettenform; einer umfangreichen Kette aus Glas-, Bernstein-, Amethyst- und Bergkristallperlen; einer 12 cm langen Haarnadel aus Silber; drei kleinen Goldanhängern; einer silbernen Riemenzunge; drei silbernen (Schuh-?)Schnallen; einem Beinkamm sowie diversen kleinen Metallfragmenten und mehreren verschiedenen Holz- und Metallgefäßen.
Die Funde befinden sich derzeit im Alamannenmuseum Ellwangen.

2. Inschriftobjekt
Das annähernd identische Bügelfibelpaar lag im Grab dicht beieinander etwas unterhalb der Hüfte zwischen den Oberschenkelknochen. Die silberne Bügelfibel mit Runeninschrift besitzt eine rechteckige Kopfplatte, einen kräftig gewölbten Bügel und eine trapezförmige Fußplatte mit seitlich angesetzten Vogelköpfen und halbrundem Abschluß. Die ornamental verzierte Oberfläche ist vergoldet, die trennenden und begrenzenden Stege sind silbern belassen. Es handelt sich um eine einheimische Nachbildung eines „nordischen“ Fibeltyps. Das Vorbild des Objektes stammte wahrscheinlich aus Skandinavien oder Großbritannien (Stork 1997, 298f.).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die Runen sind auf der Rückseite der Kopfplatte angebracht. Sie verlaufen in einer Zeile von links nach rechts entlang einer der Schmalseiten (Düwel 1997a, 19).

4. Verbreitung und Datierung
Stork (1997, 299) faßt die Datierung mit einer Zeitspanne vom Ende das 5. bis zur 2. Hälfte des 6. Jh.s sehr weit.  Die rechteckigen Kopfplatten der beiden großen Bügelfibel deuten jedoch auf nordische Einflüsse auf die heimische Produktion von Fibeln hin, die etwa seit der Mitte des 6. Jh.s faßbar werden (Martin 2004, 178f.). Nach Roth/Theune (1988, 23f.) sind Imitate nordischer Fibelfomen charakteristisch für die Zeitphase zwischen 550 und 580 n. Chr. Es darf daher von einer Datierung in das zweite Drittel des 6. Jh.s ausgegangen werden. Diese Einschätzung stimmt auch mit der Lage der Fibeln zwischen den beiden Oberschenkelknochen überein. Eine entsprechende Trachtlage ist erst in der Mitte des 6. Jh.s charakteristisch (Koch 2001, 211).

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Das Vorhandensein nordischer Imitate in der Alamannia bezeugt die Mode der Zeit, die immer wieder durch fremde Impulse von außen geprägt wurde (Stork 1997, 301). Diese lassen sich aufgrund der sehr variablen Fibeltrachten insbesondere in Frauengräbern fassen. Wegen des beraubten Zustandes ist es nur eingeschränkt möglich, verläßliche Aussagen zur sozialen Stellung der Toten aus Grab 911 zu treffen. Dennoch belegt selbst das erhaltene Inventar den Wohlstand der Frau, die möglicherweise einer sozial gehobenen Familie zuzuordnen wäre.

Literatur:

Düwel 1997a; Koch 2001; Martin 2004; Roth/Theune 1988; Stork 1995; 1997; 2001a; 2001b.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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