Steckbrief: Steinplatte von Kylver (Gotland, S)

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Inschrift:   (f)uþarkgwhnijpïʀstbemlŋdo(1?) | su(e)us |
Standardausgabe:   KJ1; G88
Archäologische Datierung:   ?
Aufbewahrungsort:   Historiska Museet Stockholm (Inv.-Nr. 13436A)
Kommentar:   Archäologische Datierung: Die Steinplatte von Kylver stammt aus einem Grabfund und war wahrscheinlich Bestandteil der Grabkammer. Die Grabkonstruktion ist allerdings zu einer Datierung ungeeignet, denn Kammer-/Kistengräber können auf Gotland vom 1.-6. Jh.n.Chr. nachgewiesen werden (Nylén 1998, 475-478). Die im Grab geborgenen Riemenbeschläge können nach Auffassung des Archäologen B. Nerman in die frühe Völkerwanderungszeit (Periode VI, 1: ca. 400-475) datiert werden (Nerman 1935, 35, 40, 52f.; SRI 11, 88). Wegen des unklaren Grabzusammenhangs, z.B. im Hinblick auf die Zahl der Bestatteten, sollte jedoch eher eine allgemein völkerwanderungszeitliche Datierung angenommen werden, und zudem bedürfte es einer kritischen Überprüfung des archäologischen Datierungsansatzes.
Archäologischer Text:  

Steinplatte von Kylver

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die runenbeschriftete Steinplatte von Kylver, Stånga sn., im Süden der Insel Gotland, ein Grabfund, wurde im Jahr 1903 entdeckt (Jansson/Wessén 1962, 133; Krause/Jankuhn 1966, 12; Düwel 2001a). Im Rahmen der Untersuchung eines kleinen Gräberfelds ca. 500 m südlich vom kleinen Gehöft Kylver und ca. 3 km westlich von der Kirche in Stangå konnte Rektor Hans Hansson ein Flachgrab in Form einer Grabkammer (3 x 2,25 m) ohne Deckstein und mit lediglich wenigen Beigaben freilegen. Die Seiten der Kammer bestanden aus ca. 10 cm dicken Kalksteinplatten. Die Grabkammer, die in einen rechteckigen Raum und drei seitlich angeordnete kleinere Kammern unterteilt war, enthielt ein Brandgrab in einer der kleinen Kammern, doch wegen einer früheren Öffnung und der Gesamtanlage der Kammer ist nicht auszuschließen, daß es sich ursprünglich um eine größere Zahl von Bestattungen handelte. Nach Hansson ragte die lose und geneigte runenbeschriftete Platte über die Erdoberfläche, und die beschriftete Seite zeigte nach außen, doch sie befand sich seiner Meinung nach nicht in originaler Lage, sondern war bei einer früheren Untersuchung umgesetzt worden. Wie einer Zeichnung Hanssons zu entnehmen ist, befand sie sich am Nordostende der Kammer. Im vorliegenden Fall muß entgegen der Auffassung von J. Bæksted (1951, 78) davon ausgegangen werden, daß der beschriftete Stein für eine Nutzung als Teil der Grabkammerkonstruktion vorgesehen war. Wird zusätzlich berücksichtigt, daß nur die beschriftete Seite ebenmäßig ist, könnte vermutet werden, daß sie zum Grabinneren hin zeigte. Der Stein wurde im Jahr 1903 in das Statens Historiska Museum Stockholm überführt.

2. Inschriftobjekt
Die unbearbeitete Kalksteinplatte (Länge: 1,05 m, Breite 0,70-0,75 m, Dicke 9-12 cm) hat eine ungefähr rechteckige Form. Die beschriftete Breitseite ist eben, die andere dagegen unregelmäßig (Jansson/Wessén 1962, 133f.; Krause/Jankuhn 1966, 12).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die ebene Breitseite des Steins weist zwei Inschriften nahe einer Längskante auf: eine längere (Länge: 52 cm) in der linken Steinhälfte, die schräg zur Längsrichtung des Steins verläuft, und eine kürzere (Länge: 6,5 cm) in der rechten Steinhälfte, annähernd parallel zur Längsrichtung. Die Originaloberfläche der beschriebenen Seite ist im rechten unteren Teil abgeplatzt (Jansson/Wessén 1962, 134; Krause/Jankuhn 1966, 12).

4. Verbreitung und Datierung
Das Objekt gehört zu den insgesamt 21 mit Runen versehenen Steindenkmälern, die aus dem südlichen Teil von Schweden bis hin zu den Landschaften Uppland und Värmland bekannt sind (Schwedische Runensteine). Bei der vorliegenden Steinplatte handelt es sich um eine der drei Steindenkmäler aus Gotland (vgl. MarteboRoes). Folgt man der Fundüberlieferung, gehörte die Steinplatte von Kylver wahrscheinlich zur Grabkonstruktion selbst. Jene ist zu einer Datierung ungeeignet, denn Kammer-/Kistengräber können auf Gotland im Zeitraum vom 1.-6. Jh. n. Chr. nachgewiesen werden (Nylén 1998, 475-478). Die im Grab geborgenen Riemenbeschläge können nach Auffassung des Archäologen B. Nerman in die frühe Völkerwanderungszeit (Periode VI, 1: ca. 400-475) datiert werden (Nerman 1935, 35, 40, 52f.; Jansson/Wessén 1962, 135). Wegen des unklaren Grabzusammenhangs, z. B. im Hinblick auf die Zahl der Bestatteten, sollte jedoch eher eine allgemein völkerwanderungszeitliche Datierung angenommen werden, und zudem bedürfte es einer kritischen Überprüfung des archäologischen Datierungsansatzes.

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Deutung
Wegen des unklaren Grabzusammenhangs ist nicht zu ermitteln, ob die Steinplatte zu einem kultur- bzw. sozialgeschichtlich bedeutenden Fundplatz zählte. Die Untersuchung weiterer Bestattungen des Gräberfelds, das aus mehreren Grabhügeln und Flachgräbern bestand, erbrachte keine Hinweise auf eine wohlhabende Bevölkerungsgruppe (Jansson/Wessén 1962, 133). Vom Gehöft Kylver stammt jedoch ein reich ausgestattetes Grab der Spätkaiser-/Völkerwanderungszeit (Periode C3-D: ca. 325-575) mit Beigabe eines facettenschliffverzierten Glasgefäßes, eines Bronzegefäßes sowie von bronzenen Gürtelbestandteilen (Straume 1987, Kat. Nr. 68). Im Vergleich zum übrigen Gotland, das sich in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten durch eine Vielzahl prestigeträchtiger Funde, z. B. römische Fremdgüter und Goldobjekte, auszeichnet, scheint das Gebiet bei Kylver allerdings nur schwach vertreten zu sein (Lund Hansen 1987; Andersson 1993).

Literatur
Andersson 1993; Bæksted 1951; Düwel 2001a; Jansson/Wessén 1962; Krause/Jankuhn 1966; Lund Hansen 1987; Nerman 1935; Nylén 1998; Straume 1987.

Oliver Grimm (letzte Bearbeitung 2010)

 

 

 

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