Steckbrief: Scheibenfibel 2 von München-Aubing (Bayern, D)

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Inschrift:   (1? m 1-2?) | (0-?) |
Standardausgabe:   O31
Archäologische Datierung:   590-610
Aufbewahrungsort:   Archäologische Staatssammlung, Museum für Vor- und Frühgeschichte, München (Inv.-Nr. 1962, 1069)
Kommentar:   Archäologische Datierung: Die Scheibenfibel mit Tierkopfvierpaß kann anhand eines neuen Fundes aus dem Münchener Raum (Gräberfeld Ascheim Grab 10) in die Zeit um 600 datiert werden (Reimann 1997, 138; Martin 2004, 184).
Archäologischer Text:  

Scheibenfibel 2 von München-Aubing

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Scheibenfibel 2 von München-Aubing (O31) stammt gemeinsam mit drei weiteren runenbeschrifteten Fibeln (Bügelfibel 1, Bügelfibel 2 und Scheibenfibel 1) aus dem Reihengräberfeld in München-Aubing, Stadt München, Bayern. Das Gräberfeld liegt im westlichen Teil der Münchener Schotterebene. Die Region um Aubing war bereits während der römischen Besiedlung über die Würmtalstraße an das Fernstraßennetz angebunden (Dannheimer 1998, 10). 1938 wurden bei der Kiesgewinnung für den Eisenbahnbau immer wieder Gräber erfaßt. Direkt im Anschluß an diese Beobachtungen wurde eine zügig durchgeführte Notgrabung durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege begonnen. Bis zum Ende des Jahres waren 358 Bestattungen in 335 Gräbern ausgegraben worden. Bei weiteren Untersuchungen zwischen 1960 und 1963  konnten 477 weitere Gräber erfaßt werden (Dannheimer 1998, 13). Insgesamt umfaßte das Gräberfeld damit 881 Bestattungen von Männern, Frauen und Kindern, hinzu kamen noch 21 weitere, unbestimmbare Individuen, die erst bei der Bearbeitung des Knochenmaterials erkannt wurden (Dannheimer 1998, 24). Im Verlauf des 2. Weltkrieges ging ein Teil des Fundmaterials verloren, darunter mehrere Fibeln und das Knochenmaterial aus den Bestattungen 1-358.
Die Scheibenfibel 2 von München-Aubing stammt aus der durch Grabräuber stark gestörten Frauenbestattung 383 (1962 gefunden). Die Zerstörung betrifft die gesamte Bestattung halsabwärts, der Kopfbereich hingegen war noch in situ vorhanden. Die Scheibenfibel lag direkt auf dem Hals der adulten (20-39 Jahre) Toten. An beiden Seiten des Schädels lagen noch je ein silberner Körbchenohrring mit dunkelblauer Glaseinlage, dazu noch 8 kleine Glasperlen an einer Seite des Kopfes. Zwei Eisenniete belegen zudem einen Dreilagenkamm, der wohl unter dem Schädel lag (Dannheimer 1998, 127, Taf. 144). 
Die Objekte aus dem Gräberfeld befinden sich in der Archäologischen Staatssammlung München. 

2. Inschriftobjekt
Die silberne Scheibenfibel (Inv. Nr. 1962/1069) war ursprünglich mit einer flächigen Feuervergoldung versehen. Der größte Durchmesser beträgt 4,4 cm. Auf der Fibel sind Raubvögel dargestellt, die eine Vierpaßform bilden und deren Köpfe am Rand anliegen. Unterhalb der Schnäbel ist die Fibel jeweils durchbrochen gearbeitet. Die Tierkörper sind eng verschlungen und zusätzlich mit Kerbschnittdekor versehen. In der großen, vierfach zipfelförmig auslaufenden Binnenzelle war eine heute verlorene Einlage angebracht. Der Nadelhalter und die Nadelrast sind mitgegossen worden (Dannheimer 1998, 127, Taf. 43, A).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Auf der Rückseite der Fibel, beiderseits des Nadelhalters, jeweils zwischen zwei mitgegossenen Durchbrüchen sind Ritzzeichen angebracht, die runenähnlich sind. 
Beide Zeichengruppen verlaufen am Rand der Fibel entlang, die Zeichen reichen in ihrer Höhe fast bis an die Nadelkonstruktion heran. Die beiden Zeilen sind unterschiedlich lang. Nur in der längeren Zeichensequenz kann jedoch aufgrund charakteristischer graphischer Merkmale eine Rune identifiziert werden (Opitz 1977, 31; Düwel 1998a, 79; Taf. 118, 3).

4. Verbreitung und Datierung
Die Scheibenfibel mit Tierkopfvierpaß kann anhand eines neuen Fundes aus dem Münchener Raum (Gräberfeld Ascheim, Grab 10) in die Zeit um 600 datiert werden (Reimann 1998, 138; Martin 2004, 184). Reimann (1998, 138) vermutet sogar, daß die Fibel aus Aschheim als Vorbild für die beiden sehr ähnlichen Stücke aus München-Aubing (i.e. Scheibenfibel 1 und Scheibenfibel 2) gedient haben könnte. Die Ausführung der beiden Scheibenfibeln aus München-Aubing ist jedoch deutlich schlechter als bei dem Stück aus Aschheim.

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Düwel (1998a, 79) schreibt die Toten in den runenführenden alamannisch-baierischen Bestattungen aufgrund der Beigaben allgemein einer „sozial gehobenen Bevölkerung "obere Mittelschicht"“ zu. Die Trägerinnen der Aubinger Scheibenfibeln gehörten nach Aussage ihrer Tracht zu einer gehobenen Gesellschaftsschicht, die sich an der byzantinisch beeinflußten Mode orientierte (Reimann 1998, 138).

Literatur:
Dannheimer 1998; Düwel 1998a; Martin 2004; Opitz 1977; Reimann 1998.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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