Steckbrief: Scheibenfibel von Peigen (Bayern, D)

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Inschrift:   (8?) |
Standardausgabe:   NoR2
Archäologische Datierung:   510-610
Aufbewahrungsort:   Archäologische Staatssammlung München
Kommentar:   Archäologische Datierung: Die Scheibenfibel gehört zu den kleineren Scheibenfibeln mit Almandinverzierung, die jedoch bereits weit entwickelt sind. Sie dürfte in der Zeit zwischen dem zweiten Viertel des 6. Jh.s und der Zeit um 600 in das Grab gelegt worden sein (Martin 2004, 180).
Archäologischer Text:  

Scheibenfibel von Peigen

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Scheibenfibel aus Peigen (NoR 2), Markt Pilsting, Landkreis Dingolfing-Landau, Bayern, stammt aus einem Reihengräberfriedhof aus der Zeit um 600. Der Fundplatz liegt westlich von Landau im nördlichen Isarmoos auf einem ausgedehnten Kiesrücken, der in den letzten 1000 Jahren zum Kiesabbau genutzt wurde. In der unmittelbaren Nähe verlief die römische Straße entlang des Isartales, die ein wichtiger Verkehrsweg in Richtung Süden zu den Alpenstraßen hin war. Die Lage des Bestattungsplatzes ist ungewöhnlich, zumal das Umfeld wenig günstige Bedingungen zum Siedeln bot. Vermutlich war die Fernhandelsstraße und eine an dieser Stelle mögliche Querung der Isar der Hauptfaktor für die Platzwahl und die Gründung einer überwiegend auf Handel und Handwerk ausgerichteten Siedlung (von Freeden 1993, 160, 170f.). 
1909 erfuhr der Sohn des Kiesgrubenbesitzers von Knochenfunden beim Kiesabbau und benachrichtigte das Königliche Generalkonservatorium in München. Die darauf folgende Untersuchung ergab 20 Gräber (Kreiner 1986, 75). 1985 wurden in dem Areal des Friedhofs erneut größere Erdarbeiten durchgeführt, wodurch zunächst etwa 20 Gräber zerstört wurden. In der anschließenden Ausgrabung (1985-1986) durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege wurden 251 Gräber untersucht, die überwiegend unberaubt waren. Dabei konnte an zwei Seite die Friedhofsgrenze erreicht werden. Nach vorsichtigen Schätzungen sind etwa 200 Gräber beim Kiesabbau unbemerkt zerstört worden, insgesamt hat man bislang wohl weniger als die Hälfte der ursprünglich vorhandenen Gräber erfaßt (Kreiner 1986, 75; von Freeden 1993, 160). Die Gräber waren zwischen 0,5 und 2,5 m eingetieft, wobei die reich ausgestatteten Gräber überwiegend sehr tief eingebracht worden waren (Kreiner 1986, 75). Der Friehof wurde vom ausgehenden 5. bis in die Mitte des 7. Jh.s hinein genutzt und zeigt auffallend viele Schmuckensembles aus dem alamannischen Bereich (Kreiner 1986, 76; von Freeden 1993, 162).
Die Runenfibel stammt aus Grab 44, in dem eine 19-39-jährige Frau bestattet war, der auch sehr hochwertig gearbeitete Goldanhänger mit Verzierungen aus geperltem Golddraht mit ins Grab gegeben worden waren (Fischer 1998, 144f.; von Freeden 1993, 166).
Die Objekte befinden sich derzeit in der Archäologischen Staatssammlung München.

2. Inschriftobjekt
Die silberne Scheibenfibel ist an der Vorderseite mit einem zellenförmigen Muster aus rechteckigen und trapezförmigen Almandinen verziert. Das Ornament gliedert sich in einen umlaufenden Ring und ein rundes Mittelfeld, das ebenfalls vollständig mit Almandinplättchen ausgefüllt ist. Die Zwischenstege sind unregelmäßig breit und unter den Almandinplättchen liegt geriffelte Blechfolie. Außen um die Fibel herum verläuft ein Perldraht (Fischer 1988, Taf. 37).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Auf der Rückseite der Scheibenfibel ist im Randbereich rechts vom Nadelhalter eine Inschrift angebracht (Düwel 1987, 12). Die Inschriftzeile verläuft in einem Bogen, der der Rundung des Fibelrandes folgt. Dabei sind nicht alle Zeichen von gleicher Größe. Über den Anbringungszeitpunkt liegen keine Erkenntnisse vor.

4. Verbreitung und Datierung
Die Scheibenfibel gehört zu den kleineren Scheibenfibeln mit Almandinverzierung, die jedoch bereits weit entwickelt sind. Sie dürfte in die Zeit zwischen dem zweiten Viertel des 6. Jh.s und der Zeit um 600 in das Grab gelegt worden sein (Martin 2004, 180). Häufig wurden die Fibeln dieses Typs paarweise oder zusammen mit einer S-Scheibenfibel getragen. In Grab 44 fehlte jedoch ein zweites Exemplar. 

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Die Gräber belegen eine Gesellschaft, die sich überwiegend aus Händlern und Handwerkern zusammensetzt (von Freeden 1993, 169). In den Beigabenensembles des Gräberfeldes zeichnet sich auch eine Schicht aus wenigen Personen ab, die einen gehobenen Stand innegehabt haben dürften und möglicherweise auch dem niederen Adel angehörten (Kreiner 1986, 75). Zu diesem Kreis zählt vor allem eine reiche Frauenbestattung in Grab 48, die mit zahlreichen Schmuckgegenständen ausgestattet war (von Freeden 1993, 166f.). Aber auch die Frau aus Grab 44 dürfte aufgrund ihrer Beigaben, vor allem der Goldanhänger und der Fibel, eine gehobene soziale Stellung innegehabt und in Wohlstand gelebt haben (Fischer 1988, 138). Da das Gräberfeld nur etwa zur Hälfte bekannt ist, kann die innere Struktur der auf dem Friedhof bestattenden Gesellschaft jedoch nicht abschließend untersucht werden. Es scheint jedoch, daß die Angehörigen der überregionalen Elite nicht auf diesem Gräberfeld bestattet wurden (Fischer 1988, 138).

Literatur:
Düwel 1987; Fischer 1988; von Freeden 1993; Kreiner 1986; Martin 2004.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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