Steckbrief: Schemel von Wremen (Niedersachsen, D)

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Inschrift:   ksamella | lguskaþi |
Standardausgabe:   NoR9; Schön et al. 2006a
Archäologische Datierung:   410-440
Aufbewahrungsort:   Museum Burg Bederkesa
Kommentar:   Fundort: Der Fund wird auch unter der Bezeichnung "Fallward" behandelt. Archäologische Datierung: Das Bootsgrab aus Wremen konnte über die Dendrochronologie in das 2. Viertel des 5. Jh.s bzw. „bald nach 421“ datiert werden (Schön 1999, 82-83, Schön u.a. 2006a, 147). Diese Einstufung wird durch die Form und Machart der übrigen Beigaben, wie etwa der Gürtelgarnitur oder dem Gefäß in Buckelkeramik, bestätigt, die bei der Grablege zum Teil schon einige Zeit lang in Gebrauch waren.
Archäologischer Text:  

Schemel von Wremen

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Aus dem Bootsgrab von Wremen, Landkreis Cuxhaven, Niedersachsen, ist auf einem hölzernen Schemel eine der selten erhaltenen Runenritzungen auf Objekten aus organischem Material überliefert. Der seit August 1962 bekannte Fundplatz des Gräberfeldes von Wremen liegt auf dem leicht erhöhten Strandwall der Unterweser (etwa +2 m NN) im Land Wursten, etwa 2 km südlich der bekannten Wurt Feddersen Wierde. 200 m südlich des Gräberfeldes befindet sich die große Dorfwurt Fallward, zu der der Friedhof höchstwahrscheinlich gehörte. Zwischen 1993 und 1998 konnten systematische Ausgrabungen hervorragend erhaltene Gräber aus zwei dicht beieinander liegenden Gräberfeldern dokumentieren. Insgesamt wurden etwa 200 Brandbestattungen und rund 60 Körpergräber erfaßt (Schön 1995; 1999; 2000; 2004; 2007).
Im September 1994 konnte ein Bootsgrab freigelegt werden. Die Grabgrube war mit einer Länge von 5 m und 1,30 m Breite ungewöhnlich groß. Innerhalb der Grube haben sich die hölzernen Bestandteile der Beigaben außerordentlich gut erhalten. Der Tote selbst war in einem 4,40 m langen Einbaum bestattet worden, dessen offene Oberseite mit etwa 60 dachförmig aneinander gestellten Eichenbrettern abgedeckt war. Für die sekundäre Nutzung als Sarg waren im Vorfeld der Grablege alle inneren Einbauten entfernt worden (Schön 1999, 76f.). Als Beigaben war zudem ein seltenes Möbelensemble erhalten. Es bestand aus einem 65 cm hohen Klotzstuhl aus Erlenholz mit reichen Kerbschnittverzierungen, einem kleinen Tischchen aus Feldahorn- und Pappelholz mit gedrechselten Beinen und einem 36 cm langen Holzbrett aus Spitz- bzw. Bergahorn mit der Darstellung einer Jagdszene und einer Runeninschrift an der Seite. Dazu kamen noch ein vogelförmiges Holzgefäß aus Erle, eine Holzschale mit einem Durchmesser von 60 cm, ein engmündiges Gefäß in der Manier der Buckelkeramik, ein aus Bronze getriebener Kessel und eine vielteilige, bronzene Gürtelgarnitur, die der spätrömischen Militärausstattung zuzurechnen ist. Insbesondere der Gürtel gibt Aufschluß über den Toten, der höchstwahrscheinlich einen höheren Rang im römischen Heer innehatte und nach Ablauf seiner Dienstzeit in das Land Wursten zurückgekehrt war (Schön 1999, 94).
Die Objekte befinden sich derzeit im Museum Burg Bederkesa, Niedersachsen.

2. Inschriftobjekt
Die Runeninschrift ist auf einem 36 cm langen Holzbrett aus Spitz- bzw. Bergahorn angebracht, das zu Füßen des Toten lag. Es ist in seiner Funktion als Schemel sicherlich in direktem Zusammenhang mit dem Klotzstuhl zu betrachten. Die Oberseite des Brettes ist mit dreizonigem Kerbschnittdekor verziert, das an den beiden Längsseiten von einem Mäanderband eingerahmt ist. An seiner Unterseite ist das Brett im Mittelbereich so ausgekehlt, daß an den beiden kurzen Seiten zwei langrechteckige Füße entstanden. In dem ausgekehlten Mittelteil ist mit sicherer Hand eine Jagddarstellung eingeschnitten. Sie zeigt einen Hirsch mit mächtigem Geweih, den von hinten ein Hund mit weit aufgerissenem Maul anspringt. Obgleich diese Szene im Vergleich zu dem übrigen Dekor der Grabbeigaben eine einfache Umrißdarstellung ohne Flächenfüllung ist, offenbart die Darstellung dennoch eine lebendige Dynamik. An der Unterseite des Schemels angebracht, war sie allerdings kein offen sichtbares Ornament (Schön et al. 2006a, 164).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die etwa 2 cm hohe Runeninschrift auf dem Schemel wurde 1994 direkt bei der Grabung entdeckt. Sie ist auf der schmalen Längskante des Schemels angebracht. Ob sie zu dem Sitzenden oder dem von außen schauenden Betrachter wies, läßt sich aus dem Fund nicht mehr erschließen. Die linksläufige Runenfolge ist durch einen größeren Zwischenraum in zwei gleichbreite Abschnitte getrennt und gleichmäßig auf der Seitenkante verteilt. Die Runen sind sorgfältig und sicher in das Holz eingeschnitten worden und deutlich lesbar. Dabei ist das Messer jeweils schräg von zwei Seiten angesetzt worden, um eine keilförmige Vertiefung zu erreichen. Eine Technik, die auch bei den übrigen Schnitzarbeiten (auch der Jagddarstellung) eingesetzt wurde.

4. Verbreitung und Datierung
Bestattungen in Booten sind im 1. Jahrtausend n. Chr. in Nordeuropa weit verbreitet. Die ältesten Grablegen dieses Typs stammen aus Südskandinavien, wo die Sitte vermutlich ihren Ursprung hatte (Schön 1999, 78f.). Das Bootsgrab aus Wremen konnte über die Dendrochronologie in das 2. Viertel des 5. Jh.s, bzw. „bald nach 421“ datiert werden (Schön 1999, 82f., Schön et al. 2006a, 147). Diese Einstufung wird durch die Form und Machart der übrigen Beigaben, wie etwa der Gürtelgarnitur oder dem Gefäß in Buckelkeramik, bestätigt, die bei der Grablege zum Teil schon einige Zeit in Gebrauch waren. 

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Auf dem Gräberfeld auf der Fallward hebt sich eine Gruppe von Bestattungen durch aufwändigeren Grabbau und umfangreichere Beigabenensembles als regelrechte „Prunkgräber“ hervor, die zwischen dem späten 3. Jh. und der ersten Hälfte des 5. Jh.s angelegt wurden (Schön et al. 2006a, 146f.; Schön 2007, 247). Dem Toten in dem Bootsgrab wurde zudem ein Klotzstuhl mitgegeben, dessen Bedeutung höchstwahrscheinlich weit über ein einfaches Sitzmöbel hinausging. Eine Anwendung auch im kultischen Bereich oder als Herrschaftssymbol ist nicht auszuschließen (Schön et al. 2006a, 165f.; Schön 2000, 235; Schön 2007, 249). Es handelte sich bei dem Toten vermutlich um einen Angehörigen eines „Herrenhofes“, wie er beispielsweise auf der benachbarten Feddersen Wierde nachgewiesen werden konnte (Schön 1999, 133). Die hier lebende, sozial gehobene Gruppe kontrollierte offenbar einen Großteil von Handwerk und Handel auf der Wurt. Die auf der Feddersen Wierde nachgewiesene Versammlungshalle belegt zudem den Willen der Oberschicht zu repräsentieren, mit dem der Klotzstuhl sicherlich in Verbindung gebracht werden darf.

Literatur:

Schön 1995; 1999; 2000; 2004; 2007; Schön et al. 2006; 2006a.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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