Steckbrief: Ringschwert von Schretzheim (Bayern, D)

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Inschrift:   a(1?)ab |
Standardausgabe:   O40
Archäologische Datierung:   560-610
Aufbewahrungsort:   Stadt- und Hochstiftmuseum Dillingen
Kommentar:   Inschrift: Das Trägergerüst besteht evtl. aus einer g-Rune. Archäologische Datierung: Das Schwert wurde nach Vergleichen mit anderen Ringschwertern in der zweiten Hälfte des 6. Jh.s gefertigt (wahrscheinlich SD-Phase 7, 580-600), gelangte jedoch erst im ausgehenden 6. bzw. 7. Jh. in das Grab (Klingenberg/Koch 1974, 121; Klingenberg/Koch 1999, 185-187; Düwel 1981a, 159).
Archäologischer Text:  

Ringschwert von Schretzheim

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Aus dem Gräberfeld Schretzheim, Landkreis Dillingen/Donau, Baden-Württemberg, stammen insgesamt vier runische Objekte aus drei verschiedenen Bestattungen, darunter auch ein Ringschwert (O40); s. auch Bronzekapsel von Schretzheim, Bügelfibel von Schretzheim, Scheibenfibel von Schretzheim. Der Fundplatz des großen Reihengräberfeldes von Schretzheim liegt am Fluß Egau im Bereich der fruchtbaren Hochterasse nördlich des Donautals. Diese dicht besiedelte Region bot mit flachgründigen Lößböden ein sehr günstiges Siedlungsareal. Das Reihengräberfeld wurde 1890 im Zuge der Kiesgewinnung entdeckt. In zwei Grabungskampagnen konnten bis 1934 durch den Historischen Verein Dillingen 630 Gräber erfaßt werden (darunter auch 8 Pferdegräber, ein bestatteter Hund und ein Hirsch). Insgesamt waren vermutlich etwa 660 Bestattungen vorhanden, das Gräberfeld ist demnach annähernd vollständig ausgegraben worden (Koch 2004, 294).
Das Ringschwert von Schretzheim stammt aus Grab 79: Die Bestattung eines männlichen Toten (ohne Altersangabe) wurde 1894 ausgegraben. Die Grabgrube war 2,6 m lang und 1,9 m tief (Klingenberg/Koch 1974, 120). Sie enthielt die neben dem Ringschwert (Spatha) noch eine Lanzenspitze, einen Schildbuckel und einen flachen Bronzering (Koch 1977/2, 25f.). Bei der Bestattung war der Oberkörper des Toten offenbar mit dem Schild abgedeckt worden (Klingenberg/ Koch 1974, 120).
Die Funde werden im Stadt- und Hochstiftmuseum Dillingen aufbewahrt. 

2. Inschriftobjekt
Die Spatha besitzt einen silbernen, hohl gegossenen Knauf, der feuervergoldet ist. Er ist mit Tierornamenten im Tierstil II und Kerbschnittdekor flächendeckend verziert. An einer Seite des Knaufs ist zudem ein Silberring befestigt. Die schlecht erhaltene Parierstange war aus miteinander vernieteten Bronzeplatten gefertigt, zwischen denen ursprünglich Holzlagen angebracht waren. Die Klinge selbst ist stark korrodiert, damasziert und besitzt eine Länge von 88,5 cm (Koch 1977/2, 26). 

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Auf der Klinge des Ringschwertes, direkt unter der Heftplatte, ist ein Runenkreuz eintauschiert; an den Enden der Schrägkreuzarme, die als Stäbe dienen, hängen vier Runen. Die Tauschierung läßt darauf schließen, daß das Runenkreuz bereits bei der Fertigung der Waffe eingearbeitet wurde (Düwel 1981a, 159). An der Klinge des Schwertes haften noch organische Reste der Scheide, das Runenkreuz wurde deshalb erst 1972 entdeckt und war lange nur im Röntgenbild erkennbar. Die Klinge wurde jedoch in jüngerer Zeit punktuell gereinigt, um die Runen sichtbar zu machen (Düwel 1997e, 495 Abb. 574). Durch die Metallkorrosion ist das Runenkreuz jedoch an einer Stelle auseinander gerissen (Koch 1977/1, 164). 

4. Verbreitung und Datierung
Das Schwert wurde nach Vergleichen mit anderen Ringschwertern in der zweiten Hälfte des 6. Jh.s gefertigt (wahrscheinlich SD-Phase 7 [580-600]), gelangte jedoch erst im ausgehenden 6. bzw. 7. Jh. in das Grab (Klingenberg/ Koch 1974, 121; Koch 1999, 185ff.; Düwel 1981a, 159). Aufgrund der singulären Verzierung des Schwertknaufes ist die Herkunft des Objektes bislang nicht zu bestimmen, Parallelen weisen jedoch nach Skandinavien, obgleich Ringschwerter auch aus dem Merowingerreich belegt sind (Klingenberg/Koch 1974, 121; Koch 1977/1, 96; Steuer 1987, 209, Abb. 9). Es handelt sich bei dem Objekt sicher nicht um ein alamannisches Erzeugnis, das einen nordischen Typ imitiert (Klingeberg/Koch 1974, 122). 

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Die Bestattungen von Schretzheim sind überdurchschnittlich reich ausgestattet. Zahlreiche Waffengräber und wertvoller Schmuck in den Frauengräbern bezeugen in der zweiten Hälfte des 6. Jh.s eine wohlhabende Bevölkerungsschicht, bei denen es sich wahrscheinlich um Hofbesitzer handelte (Koch 1977/1, 190f.). Einige Familien scheinen sozial besser gestellt gewesen zu sein, dazu gehört auch der bewaffnete Tote aus Grab 79. Möglicherweise hatte der Tote sich einer fremden Gefolgschaft (eventuell skandinavisch) angeschlossen, in der er sich auszeichnen konnte und das Schwert als Ehrenzeichen erhalten hat (Koch 1999, 185; 2004, 300; Steuer 1987, 206-227). Der tote Krieger in Grab 79 hat nur eine eher durchschnittliche Ausstattung mit ins Grab bekommen, die Bestattung hebt sich jedoch über die Lage innerhalb des Gräberfeldes hervor. Sie lag an einer Nordsüd-Achse auf der mehrere reiche Reiter niedergelegt waren. Der Tote gehörte demnach höchstwahrscheinlich einer privilegierten Reiterfamilie an (Klingenberg/Koch 1974, 123f.; Koch 1999, 187). Der ungewöhnliche Reichtum einiger Gruppen ist zudem vermutlich auf die Italienfeldzüge des 6. Jh.s zurückzuführen (Koch 1977/1, 191).

Literatur:

Düwel 1981a; 1997e; Düwel/Nedoma 2004; Klingenberg/Koch 1974; Koch 1977; 1999; 2004; Steuer 1987.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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