Steckbrief: Bügelfibel 1 von München-Aubing (Bayern, D)

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Inschrift:   segalo | sigila |
Standardausgabe:   O28
Archäologische Datierung:   510-560
Aufbewahrungsort:   Archäologische Staatssammlung, Museum für Vor- und Frühgeschichte, München (Inv.-Nr. 1939, 923)
Kommentar:   Inschrift: Abnutzungsspuren von Fibel und Inschrift deuten darauf hin, dass die Runen eher zum Zeitpunkt der Fibelherstellung oder bald danach eingeritzt wurden (Düwel 1998a, 76). Archäologische Datierung: Martin (2004, 178) hält die Bügelfibeln für späte Formen ihres Typs, die wahrscheinlich bis in das zweite Viertel des 6. Jh.s hinein getragen wurden. Diese Annahme wird durch die übrigen Beigaben, insbesondere durch die Abformung der Justiniansmünze (terminus post quem 526; Martin 2004, 178), gestützt.
Archäologischer Text:  

Bügelfibel 1 von München-Aubing

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Bügelfibel 1 von München-Aubing (O28) stammt gemeinsam mit drei weiteren runenbeschrifteten Fibeln (Bügelfibel 2, Scheibenfibel 1  und Scheibenfibel 2) aus dem Reihengräberfeld in München-Aubing, Stadt München, Bayern. Das Gräberfeld liegt im westlichen Teil der Münchener Schotterebene. Die Region um Aubing war bereits während der römischen Besiedlung über die Würmtalstraße an das Fernstraßennetz angebunden (Dannheimer 1998, 10). 1938 wurden bei der Kiesgewinnung für den Eisenbahnbau immer wieder Gräber erfaßt. Direkt im Anschluß an diese Beobachtungen wurde eine zügig durchgeführte Notgrabung durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege begonnen. Bis zum Ende des Jahres waren 358 Bestattungen in 335 Gräbern ausgegraben. Bei weiteren Untersuchungen zwischen 1960 und 1963 konnten 477 weitere Gräber erfaßt werden (Dannheimer 1998, 13). Insgesamt umfaßte das Gräberfeld damit 881 Bestattungen von Männern, Frauen und Kindern, hinzu kamen noch 21 weitere, unbestimmbare Individuen, die erst bei der Bearbeitung des Knochenmaterials erkannt wurden (Dannheimer 1998, 24). Im Verlauf des 2. Weltkrieges ging ein Teil des Fundmaterials verloren, darunter mehrere Fibeln und das Knochenmaterial aus den Bestattungen 1-358.
Die Bügelfibel 1 von München-Aubing stammt aus dem Frauengrab 303 (1939 gefunden); die Fibel gehört zu einem Bügelfibelpaar, das sich im Brustbereich der Toten befand. Auch die zweite Bügelfibel, Bügelfibel 2 von München-Aubing, trägt auf der Rückseite eine Runenritzung. Das Skelett war mit 1,50 m ungewöhnlich klein, es ist deshalb nicht sicher, ob es sich um eine erwachsene Frau handelte. Neben den beiden Fünfknopffibeln waren der Toten noch folgende Objekte beigegeben: drei geöste Goldblechanhänger mit dem Abdruck einer Justinianmünze (im Halsbereich gelegen), 35 Glasperlen, eine Almandinscheibenfibel mit silbernem Stegwerk und Spuren von Vergoldung, eine Schilddornschnalle, ein Eisenmesser, Gürtelgehänge mit einem schweren Bronzering im unteren Beinbereich, daran befestigt waren vier größere Glasperlen und ein Bergkristall (Dannheimer 1998, 116, Taf. 140).
Die Objekte aus dem Gräberfeld befinden sich in der Archäologischen Staatssammlung München. 

2. Inschriftobjekt
Die beiden paarigen, silbervergoldeten Fünfknopffibeln (Länge: 8,6 cm) lagen auf der Brust der Toten. An der halbrunden, spiralverzierten Kopfplatte der Bügelfibel 1 (Inv. Nr. 1939/923) sind fünf Knöpfe angebracht, auf denen ursprünglich je eine runde Almandinscheibe eingelegt war, auf dem mittleren Knopf waren es drei Scheibchen. Fuß und Bügel haben die gleiche Breite und sind mit einem durchgehenden Mittelsteg versehen. Dieser ist mit einem gleichmäßigen Kreisaugenmuster verziert. Seitlich davon ist jeweils Kerbdekor angebracht. Der Fuß endet in einem Tierkopf (Dannheimer 1998, Taf. 34, C).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Auf der Rückseite der Bügelfibel befinden sich zahlreiche Kratzer, einige Linien sind jedoch tiefer eingebracht und fügen sich im Gewirr der zerkratzen Oberfläche zu eindeutigen Runen, die zwei rechtsläufige Inschriften ergeben. Die eine der beiden Inschriften ist 4 mm hoch und wurde auf der Rückseite der Kopfplatte von einem durchschnittlich geübten Ritzer angebracht. Sie beginnt mittig im Zentrum der Kopfplatte und endet im Bereich des mittleren Knopfes, läuft sogar ein Stück in diesen hinein. Die zweite Runensequenz besitzt eine Höhe von etwa 3 mm und scheint von einem geübteren Ritzer zu stammen. Sie befindet sich auf der Rückseite der Fußplatte und verläuft dort nahezu mittig direkt am linken Rand entlang. Nach Düwel (1998a, 76) wurden die Ritzungen möglicherweise von zwei unterschiedlichen Personen ausgeführt, die geringen Unterschiede reichen jedoch zu einer definitiven Ansprache zweier Ritzer nicht aus. Die Abnutzungsspuren an Inschrift und Fibel lassen erkennen, daß die Runen bereits bei oder kurz nach der Fertigung eingeritzt wurden (Düwel 1998a, 76; Taf. 119). 

4. Verbreitung und Datierung
Martin (2004, 178) hält die Bügelfibeln aus Grab 303 für späte Formen ihres Typs, die wahrscheinlich bis in das zweite Viertel des 6. Jh.s hinein getragen wurden. Diese Annahme wird durch die übrigen Beigaben, insbesondere durch die Abformung der Justinianmünze (Terminus post quem 526 n. Chr., Martin 2004, 178), gestützt.

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Düwel (1998a, 79) schreibt die Toten in den runenführenden alamannisch-baierischen Bestattungen aufgrund der Beigaben allgemein einer „sozial gehobenen Bevölkerung "obere Mittelschicht"“ zu. Diese Annahme dürfte aufgrund der vergleichsweise reichen Beigaben auch auf die Tote aus Grab 303 zutreffen.

Literatur:

Dannheimer 1998; Düwel 1998a; Martin 2004.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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