Steckbrief: Rollenkappenfibel von Meldorf (Schleswig-Holstein, D)

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Inschrift:   (4?) |
Standardausgabe:   Düwel/Gebühr 1981
Archäologische Datierung:   0-150
Aufbewahrungsort:   Archäologisches Landesmuseum Schleswig (Inv.-Nr. KS o.Nr.)
Kommentar:   Inschriftcharakter: Es handelt sich bei der Inschrift um Proto-Runen oder lateinische Kapitalis. Archäologische Datierung: Die Fibel wurde aufgrund von typologischen Erwägungen wohl noch in der 1. Hälfte des 1. Jh.s (Stufe B1 nach Eggers) angefertigt, aufgrund der starken Abnutzung aber möglicherweise bis in das 2. Jh. hinein genutzt (Leube 1998, 61; Düwel/Gebühr 2001, 521).
Archäologischer Text:  

Fibel von Meldorf

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Fundumstände und der Fundkontext der Rollenkappenfibel von Meldorf, Landkreis Dithmarschen, Schleswig Holstein, sind nur schlecht bezeugt. Der Fundort Meldorf liegt an dem Flüßchen Miele auf einer Geestzunge in Küstennähe. Nach der Beschriftung muß die Fibel spätestens im Verlauf des Zweiten Weltkrieges in den Besitz des Museums gekommen sein, obgleich sie erst 1968 ausgepackt und magaziniert wurde. Weitere Hinweise auf die näheren Fundumstände oder den Zeitpunkt und die Art der Erwerbung konnten nicht rekonstruiert werden (Düwel/Gebühr 1981, 159-161). Die Fibel wird heute zusammen mit einem Glättstein, graphitierter Keramik sowie weiteren Kleinfunden und einem einzelnen Fragment Leichenbrand aufbewahrt, der direkte Zusammenhang der Objekte ist jedoch fraglich (Düwel/Gebühr 1981, 160).
Nach Düwel und Gebühr (2001, 521) stammt die Fibel eher aus einem Frauengrab. Diese Annahme läßt sich allerdings durch die rekonstruierte Trageweise auf der rechten Schulter nicht stichhaltig belegen. Der Typ der Rollenkappenfibeln ist jedoch überwiegend Frauengräbern zuzuordnen.
Die Fibel befindet sich derzeit im Archäologischen Landesmuseum Schloß Gottorf, Schleswig.

2. Inschriftobjekt
Die bronzene Rollenkappenfibel vom Typ II, 24-26 nach Almgren ist vollständig mit der gesamten Nadelkonstruktion erhalten (Inv.-Nr. KS o.Nr.). Sie zeigt intensive Abnutzungsspuren, die auf einen langen Gebrauch schließen lassen (Düwel/Gebühr 1981, 159; 2001, 521). Die Rollenkappenfibel ist insgesamt 8,5 cm lang und hat am Bügel eine Höhe von 4,3 cm. Am Bügel ist der höchste Punkt mit einer wulstartigen Verdickung versehen, die an beiden Seiten mit weiterem Dekor, wie Perlbändern, hervorgehoben ist. Von der Verdickung aus bis zur Spiralkonstruktion verläuft eine Mittelrippe auf dem sich verbreiternden Bügel, die eine deutliche Abnutzung zeigt. Von dem Haken der oberen Sehne aus ziehen sich je drei gepunzte Perlenbänder schräg zum Rand des Fibelbügels hin. Über den seitlichen Spiralen liegt je eine Rollenkappe, die vollständig mit schmalen Wulsten belegt ist.

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die Runeninschrift auf der Rollenkappenfibel wurde 1979 durch Michael Gebühr entdeckt (Düwel 2007c, 167). An der Seite des Nadelhalters sind im Tremolierstich insgesamt vier Zeichen angebracht worden, die als Runen lesbar sind, aber auch lateinischen Buchstaben sehr ähneln (Düwel 2007c, 167-173). Am Ende der Zeichen ist der Nadelhalter mit einem kleinen Loch durchbrochen, von dem aus zwei keilförmig angeordnete Linien zum Rand des Nadelhalters führen. Die vier Zeichen füllen die freie Fläche auf dem Nadelhalter annähernd vollständig aus und sind mit sicherer Hand angebracht worden. Die Runenzeichen sind teilweise in doppelter Linienführung ausgeführt, wobei sich die Technik deutlich von den übrigen auf der Fibel vorhandenen Varianten unterscheidet. Es liegt demnach nahe anzunehmen, daß die Zeichen etwas später und von anderer Hand angebracht wurden, wenngleich die auch an den Zeichen erkennbaren Abnutzungen auf eine lange Tragedauer der Fibel mit den Zeichen schließen lassen (Düwel/Gebühr 1981, 164f.; 2001, 521). 

4. Verbreitung und Datierung
Die Fertigung der Fibel kann aufgrund von typologischen Erwägungen noch in die 1. Hälfte des 1. Jh.s (Stufe B1 nach Eggers) datiert werden, aufgrund der starken Abnutzung wurde die Fibel aber möglicherweise bis in das 2. Jh. hinein genutzt (Leube 1998, 61; Düwel/Gebühr 2001, 521). Rollenkappenfibeln des Typs II, 24-26 Almgren sind besonders aus Jütland und dem unteren Elbegebiet vertreten, seltener kommen sie auch in Mecklenburg, Fünen und Lolland vor und sehr vereinzelte Objekte sind aus Böhmen und dem Odergebiet bekannt (Cosack 1979, Taf. 5-7; Leube 1998, 56). Die Varianten mit Sehnenhaken, wie auch der Fund aus Meldorf, zeigen allerdings eine stärkere Bindung an das Elbegebiet (Leube 1998, 57).

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Die Abnutzungsspuren an der Fibel belegen, daß sie an der rechten Schulter getragen wurde. Die unsicheren Fundumstände verhindern nähere Aussagen zum sozialen Umfeld des Besitzers/der Besitzerin. Anhand des Fibeltyps oder des Materialwertes lassen sich keine zuverlässigen Angaben zu dieser Fragestellung gewinnen.

Literatur:
Cosack 1979; Düwel 2007c; Düwel/Gebühr 1981; 2001; Leube 1998.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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