Steckbrief: Bügelfibel von Charnay (Westeuropa, F)

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Inschrift:   fuþarkgwhnijïpʀstbem | ˈ uþf(1?)þai ˈ id | dan ˈ (l)iano | ïia | (1?)r |
Standardausgabe:   KJ6; O10
Archäologische Datierung:   560-590
Aufbewahrungsort:   Musée d'Archéologie nationale et Domaine nationale de Saint-Germain-en-Laye (Inv.-Nr. 34 722)
Kommentar:   Archäologische Datierung: Die Fibel datiert in die zweite Hälfte des 6. Jh.s (Martin 2004, 179f.).
Archäologischer Text:  

Bügelfibel von Charnay

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Bügelfibel von Charnay (KJ6; O10), Dép. Saône-et-Loire, Frankreich, stammt aus dem Reihengräberfeld vor Ort, das seit 1832 durch Henry Baudot erforscht wurde (Düwel/Roth 1981, 372). Das Gräberfeld befand sich am Ufer der Saône zwischen Seurre und Verdun. Der Fundplatz liegt demnach in der Region des alten Burgund (Krause/Jankuhn 1966, 20). Die genaue Anzahl der vorhandenen Gräber und auch die einzelnen Grabkontexte sind nicht überliefert, das bekannte Material stammt jedoch aus mehreren hundert Gräbern und ist überwiegend fränkisch geprägt. Mögliche burgundische Einflüsse sind eventuell in den übergroßen, massiven Gürtelbeschlägen zu sehen (Düwel/Roth 1981, 372). Die Bügelfibel lag vermutlich mit einem mustergeleichen Stück in einem Frauengrab. Von dieser zweiten Fibel sind jedoch nur Fragmente erhalten (Düwel/Roth 1981, 372).
Die Fibel befindet sich derzeit im Musée des Antiquités nationales de Saint-Germain-en-Laye.

2. Inschriftobjekt
Die 9,4 cm lange Bügelfibel (Inv.-Nr. 34 722) ist aus Silber gegossen und anschließend feuervergoldet worden. Das Objekt befindet sich in einem vergleichsweise schlechten Erhaltungszustand (Düwel/Roth 1981, 373).
Die Fibel besitzt eine rechteckige Kopfplatte mit zweizoniger Verzierung aus Spiralhaken in kleinen Quadraten und einem Stufenband im Randbereich (Düwel/Roth 1981, 373). Der kurze, kräftig gewölbte Bügel besitzt eine Mittelrippe an deren Seiten sich zwei Stufenbänder anschließen. Der rautenförmige Fuß ist mit je einer seitlichen Tierkopfprotome versehen, an deren offener Maulspalte je drei Durchbrüche liegen. Am Ende des Fußes ist eine dritter, größerer Tierkopf angebracht, der hohl gegossen ist. Die Fußplatte ist flächig mit den Spiralhaken in kleinen Quadraten verziert, die bereits für die Kopfplatte beschrieben wurden. Auf der Rückseite der Fußplatte ist im Randbereich ein umlaufendes Ornamentband angebracht. Es besteht aus einem eingeritzten Rautenmuster zwischen zwei Linien. Jeweils an den Tierköpfen ist es unterbrochen.

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die Inschrift wurde wohl erst 1857 entdeckt (Krause/Jankuhn 1966, 20; Düwel/Roth 1981, 373). Auf der Rückseite der Kopfplatte befindet sich eine dreiteilige Sequenz, die an den drei Seiten der Kopfplatte angeordnet ist (Opitz 1977, 15). Sie verläuft an den beiden kurzen Seiten und der oberen Längsseite entlang zwischen dem äußeren Rand der Kopfplatte und einer sauber ausgeführten Doppellinie. Die Runen sind sehr fein eingeritzt (Krause/Jankuhn 1966, 20; Düwel/Roth 1981, 373).
Eine zweite Sequenz ist auf der Rückseite der Fußplatte an deren unterem rechten Rand angebracht (Opitz 1977, 15). Sie ersetzt einen Teil des umlaufenden, eingeritzten Rautenbandes und wird mit einer Reihe von Schrägstrichen fortgeführt. Die einzelnen Runenzeichen sind kleiner als die auf der Kopfplatte, die Zeichen wurden aber wohl von der gleichen Hand ausgeführt (Krause/Jankuhn 1966, 20).
Eine dritte Sequenz ist ebenfalls auf der Rückseite der Fußplatte, jedoch mittig, unterhalb des Nadelhalters zu erkennen. Sie allein ist nicht durch Linien begrenzt und wurde wahrscheinlich von anderer Hand eingeritzt (Opitz 1977, 15; Düwel/Roth 1981, 373). Diese letzte Sequenz liegt im heutigen Zustand der Fibel unter einer Schicht Klebemasse verborgen, die zur Restaurieung notwendig war.
Durch den schlechten Erhaltungszustand der Fibel ist auch die Inschrift in schlechtem Zustand (Düwel/Roth 1981, 373). 

4. Verbreitung und Datierung
Die Bügelfibel wurde wahrscheinlich in der Region gefertigt. Der Form nach orientiert sich die Bügelfibel an nordischen Vorbildern, die Verzierungsvarianten mit Stufenband sind jedoch besonders im langobardischen und fränkischen Bereich vertreten. Die Spiralhaken in Quadraten deuten auf ostgermanische Einflüsse, sie sind bislang nur auf der Bügelfibel von Aquincum nachgewiesen (Düwel/Roth 1981, 373). Die nordischen Stileinflüsse auf die Bügelfibeln sind typisch für den Abschnitt seit der Mitte des 6. Jh.s (Martin 2004, 179f.). Die Fibel datiert demnach in die zweite Hälfte des 6. Jh.s. Über den Anbringungszeitraum und -ort der Runeninschrift liegen keine sicheren Erkenntnisse vor. Erklärungsversuche beziehen sich sowohl auf ostgermanische als auch auf südgermanische Kontexte (Krause/Jankuhn 1966, 22f.; Düwel/Roth 1981, 375).

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Aufgrund der nicht überlieferten Grabkontexte ist die soziale Staffelung der auf dem Gräberfeld bestattenden Bevölkerung nicht rekonstruierbar. Dennoch gibt die silberne Bügelfibel einen Hinweis auf eine vermutlich gehobene soziale Stellung der Trägerin, denn entsprechende Fibelpaare waren in der älteren Merowingerzeit ein wichtiges Statussymbol der Damen der Oberschicht (Martin 2004, 191). Sie waren offenbar einem ausgewählten Personenkreis vorbehalten.

Literatur:
Düwel/Roth 1981; Krause/Jankuhn 1966; Martin 2004; Opitz 1977.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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