Steckbrief: Scheibenfibel von Bülach (Westeuropa, CH)

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Inschrift:   frifridil(0-1?) | d(u) | ftm(ik 0-1?) | (0-2?) |
Standardausgabe:   KJ165; O9
Archäologische Datierung:   610-640
Aufbewahrungsort:   Schweizerisches Nationalmuseum, Landesmuseum Zürich (Inv.-Nr. 30849)
Kommentar:   Archäologische Datierung: Die Fibel datiert an den Beginn des 7. Jh.s (Roth/Düwel 1981, 96).
Archäologischer Text:  

Scheibenfibel von Bülach

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Scheibenfibel von Bülach (KJ165; O9) aus dem alamannischen Reihengräberfriedhof bei Bülach, Kanton Zürich, Schweiz, wurde bereits 1927 gefunden. Der Fundplatz liegt im Züricher Unterland an einem Südhang 500 m nordöstlich der Bülacher Kirche (Werner 1953, 3; Christlein 1978, 136; Roth/Düwel 1981, 95). Die Grabungen auf dem Friedhof wurden zwischen 1919 und 1928 durchgeführt. Das Gräberfeld umfaßt insgesamt 300 Bestattungen. Mit Ausnahme einer Straßentrasse, unter der noch etwa 30 Gräber liegen dürften, ist das Gräberfeld vollständig erfaßt worden. Die Belegung konnte in die Phase zwischen dem ersten Drittel des 6. Jh.s und dem frühen 8. Jh. datiert werden (Roth/Düwel 1981, 95). Die Gräber ordnen sich in vier unterschiedlich großen Gruppen an, wobei wahrscheinlich nahezu jedes Grab mit einem kleinen Hügel gekennzeichnet war (Werner 1953, 5). 
Die Runenfibel stammt aus dem Frauengrab 249, das zu der großen Mittelgruppe zu zählen ist. Über dem Skelett der Toten befand sich noch ein 40 cm starkes Steinpflaster, das offenbar über der Toten angelegt worden war. Der Verstorbenen war ein Trachtensemble aus einer Perlenkette, einem Eisenring, einer Almandinscheibenfibel mit Runeninschrift, einer Doppelperle aus vergoldetem Glas, einer großen Eisenschnalle und zwei Kettenringen mitgegeben worden. Dazu kam noch ein Kamm mit Futteral, ein Messerchen und eine eiserne Bügelschere (Werner 1953, 123).
Die Objekte befinden sich derzeit im Schweizerischen Nationalmuseum, Landesmuseum Zürich.

2. Inschriftobjekt
Die Scheibenfibel (Inv.-Nr. 30849) hat einen Durchmesser von 4,5 cm. In ihrem Zentrum befindet sich ein silberblechbelegter und filigranverzierter Mittelbuckel, der von zwei konzentrischen Zonen umgeben ist, die jeweils durch Querstege in kleine Einzelzellen gegliedert sind. Die Zellen im äußeren Ring sind vollständig mit Almandinen ausgelegt, im inneren Bereich sind drei Gruppen aus je fünf Almandinen von Silberblechstücken mit eingepreßtem Flechtbandornament unterbrochen. Die Verarbeitung des Zellwerkes ist mit wenig Sorgfalt ausgeführt worden (Werner 1953, 10). Die Nadelkonstruktion auf der Rückseite ist nur fragmentarisch erhalten.

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die Runeninschrift wurde noch 1927 bei der Restaurierung der Scheibenfibel entdeckt. Sie besteht aus insgesamt vier Zeilen, die auf der Rückseite der Fibel untereinander angeordnet sind (Krause/Jankuhn 1966, 307; Opitz 1977, 14). Die Runen in den einzelnen Zeilen sind unterschiedlich dicht gedrängt und unterscheiden sich auch in der Höhe. Über den Anbringungszeitpunkt liegen keine Erkenntnisse vor.

4. Verbreitung und Datierung
Die Scheibenfibel gehört zu den großen flachen Scheibenfibeln, die am Ende des 6. und in der ersten Hälfte des 7. Jh. auf den fränkischen und alamannischen Gräberfeldern auftauchen (Werner 1953, 10). Diese Fibeln werden einzeln getragen (Martin 2004, 180). Die Fibel datiert an den Beginn des 7. Jh.s (Roth/Düwel 1981, 96, ein besonders guter Vergleich zu dem Objekt stammt aus dem Gräberfeld von Mayen in der Eifel (Grab 5). 

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Die auf dem Gräberfeld bestattende Bevölkerung steigt im Verlauf des 6. und 7. Jh.s zahlenmäßig steil an und hat sich am Ende des 7. Jh.s verzehnfacht (Roth/Düwel 1981, 96). Die relativ reichen Beigaben zeichnen die Tote in Grab 249 als Mitglied einer freien, grundbesitzenden Bevölkerungsschicht aus, die jedoch nicht zur überregionalen Führungselite zu zählen ist. Die Gründung der Ansiedlung geht wahrscheinlich auf eine einzelne Familie zurück, deren Wohlstand trotz des Wachstums der Bevölkerung eher bescheiden blieb (Christlein 1978, 136). Aufgrund der Vergleiche dürfte die Fibel aus Bülach eher fränkischen als alamannischen Ursprungs sein (Werner 1953, 10f.). 

Literatur:
Christlein 1978, Krause/Jankuhn 1966; Martin 2004; Opitz 1977; Roth/Düwel 1981; Werner 1953.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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