Steckbrief: S-Fibel I von Weingarten (Baden-Württemberg, D)

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Inschrift:   a(1-2?)rguþ( ˈ 1-?) | feha ˈ writ(1-2? a) |
Standardausgabe:   KJ164; O53
Archäologische Datierung:   510-560
Aufbewahrungsort:   Alamannenmuseum Weingarten
Kommentar:   Träger: Der Träger wird als "S-Fibel I" (KJ164), "größere S-Fibel" (O53) und "Fibel A" (Arntz/Jänichen 1957) bezeichnet; Looijenga (2003, 262f.) führt den Fund unter "Weingarten I". Archäologische Datierung: Durch die S-Fibel mit Vogelköpfen kann die Bestattung in die Phasen SW I C2 und SW II D nach Roth/Theune (1988, 34), also den Abschnitt zwischen 510 und 550 datiert werden.
Archäologischer Text:  

S-Fibel I von Weingarten

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die S-Fibel I von Weingarten (KJ 164, O54) aus dem Gräberfeld von Weingarten, Kreis Ravensburg, Baden-Württemberg, ist eines von insgesamt drei Objekten mit Runeninschrift von diesem Fundplatz (s. auch S-Fibel II von Weingarten und Bernsteinperle von Weingarten). Die Stadt Weingarten liegt im südlichen Teil des württembergischen Oberschwaben im Schussenbecken, in dem die Schussen auf den Bodensee zufließt. Das Gräberfeld lag nördlich der Schussen auf einer flachen, leicht abfallenden Schotterterrasse. Bei Arbeiten am Kanalsystem zur Erschließung eines Neubaugebietes wurden im Herbst 1952 erste Skelette des Friedhofs freigelegt. Direkt darauf begannen im Herbst 1953 die Ausgrabungen durch das Landesdenkmalamt. Zwischen 1952 und 1957 wurde annähernd das gesamte Reihengräberfeld systematisch untersucht (Wein 1957; 1958). Aufgrund der teilweise sehr schlechten Grabungsbedingungen und starker Beeinträchtigung durch den Fortgang der Bauarbeiten, konnten die erfaßten Gräber nicht ausnahmslos dokumentiert werden, so daß nur ein unvollständiger Gesamtplan des Gräberfeldes vorliegt. Im Verlauf der Grabungen konnten 801 Gräber mit 810 Bestattungen freigelegt werden. Etwa 100 Grablegungen waren wahrscheinlich im Vorfeld der Untersuchungen durch Bauarbeiten zerstört worden (Roth/Theune 1995, 13). Ein vergleichsweise hoher Anteil der Gräber ist mit Beigaben ausgestattet. Lediglich 93 Gräber waren beigabenlos. Zudem sind 76 % der männlichen Toten mit Waffen niedergelegt worden (Theune 2006, 410).
Die S-Fibel I von Weingarten stammt aus Grab 272: Der frühmaturen Frau (40-50 Jahre) waren neben einer S-Fibel mit Runeninschrift noch eine umfangreiche Kette aus Glas- und Bernsteinperlen, eine Schnalle, ein Messerchen und ein einzelnes Kettenglied mit ins Grab gegeben worden. Dazu belegen vorhandene Tierknochen zusätzliche Speisebeigaben.
Die Funde befinden sich derzeit in dem 1976 eröffneten Alamannenmuseum von Weingarten im alten Kornhaus.

2. Inschriftobjekt
Die teilvergoldete Silberfibel ist 3,6 cm lang. Unter den Schnäbeln von zwei stark stilisierten Vögeln befinden sich kleine Durchbrüche. Durch einen umlaufenden Steg und zwei Zwischenstege ist die Vorderseite in drei Zonen geteilt. Auf den Stegen ist ein durchgängiges Dreieckniellodekor angebracht. Die drei Felder sind mit Kerbschnittdekor ausgefüllt. Von den ursprünglich vier Almandineinlagen (zwei in den Augen der Vögel und zwei auf dem Zwischensteg) ist eine in situ erhalten. Die rückseitige Nadelkonstruktion ist nur fragmentarisch erhalten (Roth/Theune 1995, 79f., Taf. 96 A).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die Inschrift ist in zwei rechtsläufigen Zeilen auf der Rückseite der Fibel genau parallel zur Nadel zu beiden Seiten der Nadelkonstruktion angebracht; die „Köpfe“ der Runen sind einander zugewandt. Beide Zeilen liegen im Bereich der kleinen Durchbrüche: Einmal verläuft die Inschrift über den Durchbruch hinweg, so daß die unteren Stäbe einiger Runen wie „durchlocht“ erscheinen; die folgenden Zeichen dieser Zeile sind durch Abschleifung, wohl durch das Tragen der Fibel, stark gestört (Arntz/Jänichen 1957). Auf der gegenüberliegenden Seite verringert sich die Höhe der Zeichen auf annähernd die Hälfte, um zwischen Nadelrast und Durchbruch zu passen; auch hier ist sind die letzten Zeichen der Zeile durch starke Abnutzung zerstört.

4. Verbreitung und Datierung
Die Fibel datiert das Grab an den Übergang der Stufen SW I C2 und SW II D nach Roth/Theune (1988, 14), die den Zeitraum von 510 bis 550 n. Chr. umfassen.

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Die drei Grabinventare mit Runenritzungen auf Schmuckgegenständen sind alle als reich anzusprechen. Es darf demnach davon ausgegangen werden, daß die Toten wohlhabenden Familienverbänden angehörten. Dennoch sind sie nicht zu der absoluten Oberschicht vor Ort zu zählen, die auf dem Gräberfeld von Weingarten durch herausragende Beigabenensembles erfaßt werden konnte (Theune 2006, 407). Da die Toten auf dem Gräberfeld insgesamt mit ungewöhnlich reichen Beigaben niedergelegt wurden, relativiert sich die Aussagekraft umfangreicher Ausstattungen. Dennoch sind die drei Toten aus den Gräbern 179, 272 und 511 sicherlich einer gehobenen sozialen Schicht zuzurechnen, die jedoch nicht zur regionalen Elite gezählt haben wird.

Literatur:

Arntz/Jänichen 1957;
Roth/Theune 1988; 1995; Theune 2006; Wein 1957; 1958.


Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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