Steckbrief: Bronzekapsel von Schretzheim (Bayern, D)

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Inschrift:   alaguþ ˈ leuba ˈ de(d)un | arog(i)sd |
Standardausgabe:   KJ157; O38
Archäologische Datierung:   540-590
Aufbewahrungsort:   Stadt- und Hochstiftmuseum Dillingen
Kommentar:   Träger: Die Bronzekapsel wurde 1892 gefunden, die Inschrift aber erst 1931 entdeckt; sie stammt (wie die Bügelfibel) aus dem Frauengrab 26. Bei dem zylindrischen Gegenstand (Ø 3, 2 cm) handelt es sich um eine Pyxis (Düwel/Nedoma 2004). Boden- und Deckelteil sind durch ein Scharnier miteinander verbunden. Er enthielt eine gelochte gelbe Perle und verdorrte Pflanzenreste (Koch 1977 I, 86). Archäologische Datierung: Die Bronzkapsel stammt, zusammen mit weiteren Beigaben (s. Bügelfibel von Schretzheim), aus Grab 26. Einen sicheren Anhaltspunkt für die Datierung des Grabs gibt das Fundensemble, insbesondere die beiden Münzabschläge einer Justinianmünze. Die Vorlage wurde ab 538 geprägt, war jedoch zum Zeitpunkt der Durchschläge bereits sehr abgegriffen. Die Kapsel aus Grab 26 von Schretzheim stammt nach Aussage der übrigen Beigaben bereits aus der zweiten Hälfte des 6. Jh.s (Koch 1977/1, 86). Das Grab selbst datiert in den Zeitraum zwischen 555 und 580.
Archäologischer Text:  

Bronzekapsel von Schretzheim

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Aus dem Gräberfeld Schretzheim, Landkreis Dillingen/Donau, Baden-Württemberg, stammen insgesamt vier runische Objekte aus drei verschiedenen Bestattungen, darunter auch eine Bronzekapsel (KJ157, O38); s. auch Bügelfibel von Schretzheim, Scheibenfibel von SchretzheimRingschwert von Schretzheim. Der Fundplatz des großen Reihengräberfeldes von Schretzheim liegt am Fluß Egau im Bereich der fruchtbaren Hochterasse nördlich des Donautals. Diese dicht besiedelte Region bot mit flachgründigen Lößböden ein sehr günstiges Siedlungsareal. Das Reihengräberfeld wurde 1890 im Zuge der Kiesgewinnung entdeckt. In zwei Grabungskampagnen konnten bis 1934 durch den Historischen Verein Dillingen 630 Gräber erfaßt werden (darunter auch 8 Pferdegräber, ein bestatteter Hund und ein Hirsch). Insgesamt waren vermutlich etwa 660 Bestattungen vorhanden, das Gräberfeld ist demnach annähernd vollständig ausgegraben worden (Koch 2004, 294).
Die Bronzekapsel von Schretzheim stammt, gemeinsam mit der Bügelfibel von Schretzheim, aus Grab 26: Das Grab wurde im September 1892 ausgegraben. Der weiblichen Toten (ohne Altersangabe) waren neben der Bronzekapsel mit Inschrift noch eine goldene S-Fibel mit Almandineinlagen, eine Rosettenscheibenfibel ebenfalls mit Almandineinlagen, ein Paar silberne, feuervergoldete Bügelfibeln (eine davon mit Runenritzung), eine Perlenkette, zwei geöste, brakteatenförmige Durchschläge, eine durchbohrte, frühkaiserzeitliche Bronzemünze, eine Cyprea, ein Bronzering, ein Paar silberne Schuhschnallen, ein Paar Riemenzungen, ein eisernes Webschwert und ein handgearbeitetes Gefäß mitgegeben worden (Koch 1977/2, 15f.).
Die Funde werden im Stadt- und Hochstiftmuseum Dillingen aufbewahrt.

2. Inschriftobjekt
Die flache, zylindrische Büchse (Pyxis) hat einen Durchmesser von 3,2 cm und eine Höhe von 1,2 cm (mit Scharnier 1,7 cm). Sie besteht aus zwei gleich großen Teilen und läßt sich mittels eines Scharniers genau mittig öffnen. Bei dem Drehgelenk ist zusätzlich eine Öse zur Aufhängung angenietet. Die Bronzekapsel war demnach an einem Gehänge an der linken Körperseite, von der Hüfte abwärts hängend befestigt. Sie wurde so getragen, daß Deckel und Boden deutlich sichtbar waren. Auf den beiden flachen, kreisrunden Flächen sind flächige, kräftig eingeritzte Strichornamente angebracht. An den schmalen, gebogenen Seitenflächen (Kragenteilen) befinden sich zwei Runenkomplexe. Im Inneren der Büchse lagen eine kleine, gelochte, weiß-gelbe Perle und ein Pflanzenrest (Koch 1977/2, 16).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Nach der Restaurierung wurden 1931 an den beiden gebogenen Rändern der zylindrischen Kapsel (Deckel- und Bodenteil) je eine Zeile mit Runenzeichen erkennbar, die jedoch nur schwach eingeritzt waren. Sie nehmen in der Höhe annähernd den gesamten Raum jeweils zwischen dem mittigen Öffnungsspalt und dem Deckel bzw. der Bodenplatte ein, dabei stehen sie senkrecht zu ihnen (Koch 1977/2, Taf. 11,4). Die beiden rechtsläufigen Runenzeilen sind unterschiedlich lang: die längere Zeile befindet sich auf dem Kragenteil des Bodens mit den „Füßen“ der Runen zum Boden ausgerichtet, die kürzere Zeile auf dem Deckelkragen mit den „Füßen“ der Runen nach oben weisend. Im aufgeklappten Zustand stehen die beiden Runenkomplexe in einer Ebene und sollten wohl in dieser Reihenfolge gelesen werden (Düwel/Nedoma 2004, 302). Der Anbringungszeitpunkt kann nicht näher bestimmt werden, Krause/Jankuhn (1966, 300) gehen allerdings davon aus, daß die Inschrift erst in der Alemannia angebracht wurde (hierzu auch Düwel/Nedoma 2004, 302).

4. Verbreitung und Datierung
Ein sicherer Anhaltspunkt für die Datierung von Grab 26 gibt das Fundensemble, insbesondere die beiden Münzabschläge einer Justinianmünze. Die Vorlage wurde ab 538 geprägt, war jedoch zum Zeitpunkt der Durchschläge bereits sehr abgegriffen. Die Kette war demnach um 550 oder kurz vorher angefertigt worden (Koch 1977/1, 73). Amulettkapseln sind seit dem 6. Jh. Bestandteil der Frauenausstattung. Die zylindrischen Varianten des Typs stammen jedoch meist aus der Mitte und der zweiten Hälfte des 7. Jh.s. Die Kapsel aus Grab 26 von Schretzheim ist erheblich älter als der Großteil dieser Fundgattung und stammt nach Aussage der übrigen Beigaben bereits aus der zweiten Hälfte des 6. Jh.s (Koch 1977/1, 86). Sie wurde wahrscheinlich zwischen Mosel und nördlichem Oberrhein gefertigt (Koch 1977/1, 186). Die Objekte aus Grab 26 sind unterschiedlich lange im Besitz der Toten gewesen. Das Grab selbst datiert in die SD-Phase 6 nach Koch (2004, 296f.), die den Zeitraum zwischen 555 und 580 umfaßt.

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Die Bestattungen von Schretzheim sind überdurchschnittlich reich ausgestattet. Zahlreiche Waffengräber und wertvoller Schmuck in den Frauengräbern bezeugen in der zweiten Hälfte des 6. Jh.s eine wohlhabende Bevölkerungsschicht, bei der es sich wahrscheinlich um Hofbesitzer handelte (Koch 1977/1, 190f.). Einige Familien scheinen sozial besser gestellt gewesen zu sein. Der ungewöhnliche Reichtum dieser Gruppe ist vermutlich auf die Italienfeldzüge des 6. Jh.s zurückzuführen (Koch 1977/1, 191).

Literatur:
Düwel/Nedoma 2004; Koch 1977; 2004; Krause/Jankuhn 1966.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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