Steckbrief: Scheibenfibel von Schretzheim (Bayern, D)

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Inschrift:   siþwagadin | leubo |
Standardausgabe:   KJ156; O39
Archäologische Datierung:   560-590
Aufbewahrungsort:   Stadt- und Hochstiftmuseum Dillingen
Kommentar:   Inschrift: Von der am Rand der Fibel verlaufenden Zeile sind bei der Reinigung die beiden letzten Runen vollständig und die drittletzte Rune teilweise zerstört worden. Auf einem vor der Reinigung angefertigten Photo sind diese aber gut zu erkennen (Krause/Jankuhn 1966, 298). Archäologische Datierung: Die Almandinscheibenfibel mit filigranverziertem Mittelfeld stammt, zusammen mit anderen Beigaben, aus Grab 509. Die Beigaben und insbesondere die Scheibenfibel datieren das Grab in die SD-Phase 6 nach Koch, die den Zeitraum zwischen 555 und 580 umfasst (Koch 1977/1, 60; Koch 2004, 296-297; vgl. auch Martin 2004, 180-184).
Archäologischer Text:  

Scheibenfibel von Schretzheim

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Aus dem Gräberfeld Schretzheim, Landkreis Dillingen/Donau, Baden-Württemberg, stammen insgesamt vier runische Objekte aus drei verschiedenen Bestattungen, darunter auch eine Scheibenfibel (KJ156, O39); s. auch Bronzekapsel von Schretzheim, Bügelfibel von Schretzheim, Ringschwert von Schretzheim. Der Fundplatz des großen Reihengräberfeldes von Schretzheim liegt am Fluß Egau im Bereich der fruchtbaren Hochterasse nördlich des Donautals. Diese dicht besiedelte Region bot mit flachgründigen Lößböden ein sehr günstiges Siedlungsareal. Das Reihengräberfeld wurde 1890 im Zuge der Kiesgewinnung entdeckt. In zwei Grabungskampagnen konnten bis 1934 durch den Historischen Verein Dillingen 630 Gräber erfaßt werden (darunter auch 8 Pferdegräber, ein bestatteter Hund und ein Hirsch). Insgesamt waren vermutlich etwa 660 Bestattungen vorhanden, das Gräberfeld ist demnach annähernd vollständig ausgegraben worden (Koch 2004, 294).
Die Scheibenfibel von Schretzheim stammt aus Grab 509: Das Grab enthielt eine weibliche Bestattung und wurde im Oktober 1932 ausgegraben. Die Bestattete war etwa 30 Jahre alt. Das Grab enthielt zudem noch eine Halskette, eine Tigerschnecke, eine einfache Gürtelschnalle und einen Eisenring (Koch 1977/2, 108f.).
Die Funde befinden sich im Stadt- und Hochstiftmuseum Dillingen.

2. Inschriftobjekt
Die Fibel lag direkt unter dem Kinn der Toten. Die fragmentierte Scheibenfibel läßt sich zu einer runden Form ergänzen. Das Objekt ist aus Silber gefertigt und besitzt einen Außen umlaufenden Ring, der mit trapezförmigen Almandinen ausgelegt war. Das runde Mittelfeld ist filigran verziert. Das Stück ist stark abgenutzt, die Fragmentierung geschah jedoch erst bei der Bergung. Die Runeninschrift wurde erst 1946 bei der Fundbearbeitung durch R. Roeren erkannt (Krause/Jankuhn 1966, 298; Düwel/Nedoma 2004, 303f.).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die Runeninschrift wurde im Zuge der Restaurierung teilweise zerstört, Teile der Fibel brachen ab. Sie ist jedoch auf einem Foto, das den ursprünglichen Zustand des Objektes dokumentiert, vollständig zu erkennen (Jänichen 1951, 226, Abb. 1; Krause 1955, 378ff.; Koch 1977/1, 164). Die Runen sind in zwei gegenständigen Zeilen angebracht, wobei eine Reihe direkt am Rand der Fibel entlang verläuft und die Rundung mitverfolgt; die „Füße“ der Runen weisen dabei zum Fibelrand. Diese Zeile ist im Verlauf der Restaurierung partiell zerstört worden. Die beiden letzten Runen sind heute vollständig verloren, die drittletzte Rune ist teilweise zerstört (Krause/Jankuhn 1966, 298). Die zweite Zeile ist kürzer und liegt annähernd mittig zwischen Nadelhalter und Nadelrast. In beiden Zeilen sind die Runen rechtsläufig zu lesen. In der längeren Zeile am Fibelrand verringert sich die Zeichenhöhe mit der Leserichtung nach rechts, in der kürzeren Zeile in der Mitte der Fibelrückseite nimmt die Höhe der Runen zum Ende der Inschrift hin gleichmäßig zu.

4. Verbreitung und Datierung
Die Beigaben und insbesondere die Almandinscheibenfibel mit filigranverziertem Mittelfeld datieren das Grab in die SD-Phase 6 nach Koch, die den Zeitraum zwischen 555 und 80 umfaßt (Koch 1977/1, 60; 2004, 296f., vgl. auch Martin 2004, 180ff.).

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Die Bestattungen von Schretzheim sind überdurchschnittlich reich ausgestattet. Zahlreiche Waffengräber und wertvoller Schmuck in den Frauengräbern bezeugen in der zweiten Hälfte des 6. Jh.s eine wohlhabende Bevölkerungsschicht, bei denen es sich wahrscheinlich um Hofbesitzer handelte (Koch 1977/1, 190f.). Einige Familien scheinen sozial besser gestellt gewesen zu sein. Der ungewöhnliche Reichtum dieser Gruppe ist vermutlich auf die Italienfeldzüge des 6. Jh.s zurückzuführen (Koch 1977/1, 191; 2004, 300).

Literatur:
Düwel/Nedoma 2004; Jänichen 1951; Koch 1977; 2004; Krause 1955; Krause/Jankuhn 1966; Martin 2004.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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