Steckbrief: Bügelfibel von Herbrechtingen (Baden-Württemberg, D)

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Inschrift:   fþae | (1Z) |
Standardausgabe:   KJ154; O25
Archäologische Datierung:   550-600
Aufbewahrungsort:   Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
Kommentar:   Archäologische Datierung: Die Bügelfibel stammt, zusammen mit anderen Beigaben, aus einem reich ausgestatteten Frauengrab, das wahrscheinlich in das letzte Drittel des 6. Jh.s datiert (Quast 1999, 396). Durch die kaum abgenutzten Münzanhänger in dem Grab ist auch eine Datierung in die Mitte oder das dritte Viertel des 6. Jh.s denkbar (Martin 2004, 179).
Archäologischer Text:  

Bügelfibel von Herbrechtingen

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Bügelfibel von Herbrechtingen (KJ154, O25) stammt aus dem merowingerzeitlichen Gräberfeld von Herbrechtingen, Kr. Heidenheim, Baden-Württemberg. Der Fundplatz liegt an einem nordwärts führenden Verkehrsweg, der von der Donau die Brenz entlang führt (Quast 1999, 396). Bei Bauarbeiten im Westteil von Herbrechtingen wurde das Gräberfeld 1909 erstmals und seitdem mehrfach angeschnitten (Veeck 1930, 73; 1931, 175). Es sind aber bislang keine systematischen Grabungen durchgeführt worden. Zu den bekannten Gräbern aus Herbrechtingen gehört unter anderem ein Reitergrab, ein Goldschmiedegrab und ein reiches Frauengrab (Christlein 1978, 101).
Die Fibel mit Runeninschrift stammt aus dem reich ausgestatteten Frauengrab, das 1929 beim Bau einer Gasleitung entdeckt wurde (Veeck  1930, 73; 1931, 176). Der Frau war ein umfangreiches Trachtensemble, bestehend aus zwei Bügelfibeln (eine mit Runeninschrift), einer Kette mit Amethystperlen und sechs Goldanhängern aus einem Münzabschlag eines Triens Justinians I. (555-587), weiteren Glasperlen, einer S-Scheibenfibel mit roten Einlagen, einer Scheibenfibel aus Silber mit Vergoldung und Granateinlagen, einer Bronzezierscheibe, einer ovalen Bronzeschnalle, einer Bronzenadel, zwei silbernen Riemenzungen mit Tierstilverzierung, einem Eisenmesserchen, einem Kamm und einer Schere sowie einem Gefäß und einer Melonenperle, ins Grab gegeben worden (Veeck 1930, 73f.; 1931, 176; Opitz 1977, 27; Quast 1999, 396).
Die Objekte befinden sich derzeit im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.

2. Inschriftobjekt
Die silberne Bügelfibel (Inv.-Nr. FG 2149) ist 11,5 cm lang und war ebenso wie ihr gußgleiches Gegenstück ursprünglich vergoldet. Beide Fibeln sind sehr stark abgenutzt, was auf eine lange Nutzung vor der Grablege schließen läßt (Veeck 1930, 75). Die Fibel mit Runenritzung besitzt eine rechteckige Kopfplatte, an der 11 Knöpfe befestigt sind. Der Bügel ist kurz und stark gewölbt, der langovale Fußteil endet in einem Tierkopf. Die Oberfläche der Fibel ist mit Kerbschnitt- und Spiralornamenten überzogen.

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Auf der Rückseite der Fußplatte unter dem Nadelhalter ist eine rechtsläufige Runeninschrift angebracht. Sie verläuft von oben nach unten, parallel zur Längsachse der Fibel und ist in etwa mittig, in Verlängerung des Nadelhalters angebracht (Arntz/Zeiss 1939, 263, Tafel XVIII). Die einzelnen Zeichen sind nur leicht eingeritzt, sie enden in etwa auf gleicher Höhe (Veeck 1930, 75). Die Inschrift reicht bis an die eingegossene Vertiefung des Tierkopfes heran. Links unterhalb des Nadelhalters und zwischen diesem und dem ersten Zeichen der Inschrift befindet sich ein weiteres Zeichen, das im Verhältnis zur Runensequenz auf den Kopf gestellt und nach links gerichtet erscheint. Der Zeichencharakter und die Funktion dieses Einzelzeichens kann nicht eindeutig bestimmt werden (Arntz/Zeiss 1939, 263f.; Krause/Jankuhn 1966, 296; Opitz 1977, 27).

4. Verbreitung und Datierung
Das reich ausgestattete Frauengrab datiert wahrscheinlich in das letzte Drittel des 6. Jh.s (Quast 1999, 396). Durch die kaum abgenutzten Münzanhänger in dem Grab ist auch eine Datierung in die Mitte oder das dritte Viertel des 6. Jh.s denkbar (Martin 2004, 179). Die Trachtbestandteile zeigen starke Kontakte zum langobardischen Oberitalien, wahrscheinlich ist die Tote als Langobardin anzusprechen (Quast 1999, 396). Menghin (1985, 180) geht von einer Einwanderung der Frau in die Alemannia wegen einer Eheschließung aus.

5. Kulturhistorische/Sozialgeschitliche Interpretation
Die Bestattung gehört in einen Zeithorizont, in dem das alamannische Gebiet durch langobardische Importe geprägt ist, die sicherlich auf persönliche Kontakte (auch kriegerische) zurückzuführen sind (Quast 1999, 396). In der Zeit um 600 ist eine überdurchschnittlich wohlhabende Familie in dem Ort sicher nachgewiesen (Christlein 1978, 150). Aufgrund ihrer reichen Beigaben ist die Tote mit Runenfibel sicherlich diesem gesellschaftlichen Kontext zuzuweisen.

Literatur:
Arntz/Zeiss 1939; Christlein 1978; Krause/Jankuhn 1966; Martin 2004; Menghin 1985; Opitz 1977; Quast 1999; Veeck 1930; 1931.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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