Steckbrief: Bügelfibel II von Nordendorf (Bayern, D)

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Inschrift:   (1?)irl(1?)ioel(1?) |
Standardausgabe:   KJ152; O34
Archäologische Datierung:   540-590
Aufbewahrungsort:   Römisches Museum Augsburg
Kommentar:   Archäologische Datierung: Aufgrund der Ähnlichkeit mit den Bügelfibeln aus Bopfingen und Straubing dürfte die Fibel II aus Nordendorf in die Mitte oder die zweite Hälfte des 6. Jh.s zu datieren sein, wobei der Tierstil I seinen Höhepunkt wohl in der Mitte des 6. Jh.s erreichte (Haseloff 1981, 566-569).
Archäologischer Text:  

Bügelfibel II von Nordendorf

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Bügelfibel II von Nordendorf (KJ152, O34), Ldkr. Augsburg, Bayerisch-Schwaben, Bayern, wurde auf einem Reihengräberfeld gefunden. Der Fundplatz liegt auf der fruchtbaren Niederterrasse des Lech, die mit Auelehm bedeckt ist (Trier 2002, 274). Das große Reihengräberfeld von Nordendorf wurde 1843 beim Eisenbahnbau entdeckt. Insgesamt konnten 448 Bestattungen untersucht werden, womit die Ausdehnung des Gräberfeldes nahezu vollständig erfaßt worden sein dürfte. Auf dem Gräberfeld war nur eine sehr geringe Beraubung festzustellen, wodurch die reichen Beigaben überwiegend erhalten geblieben sind (Trier 2002, 274). Allerdings sind bei der Ausgrabung nur wenige Grabzusammenhänge ausreichend dokumentiert worden. Von dem Gros der Funde sind deshalb keine Kontexte mehr bekannt, auch weil ein Teil der Unterlagen verlorenging (Franken 1944, 38; Krause/Jankuhn 1966, 292; Trier 2002, 274). Dies betrifft auch die beiden Bügelfibeln Nordendorf I und Nordendorf II, von denen lediglich die wahrscheinliche Herkunft aus Frauengräbern angeführt werden kann (Düwel 2002i, 275f.).
Auch die zu dem Gräberfeld gehörende Siedlung ist teilweise untersucht worden. Sie lag direkt an der Via Claudia, der in der Antike wichtigsten Straßenverbindung mit Italien, die auch im Frühmittelalter noch eine bedeutende Rolle spielte. In der Merowingerzeit hatte sie eine entscheidende militärische Bedeutung. Qualitätvolle Importe belegen den Zugang von Nordendorf zum Mittelmeerhandel (Trier 2002, 274f.). Die Siedlung Nordendorf war nach den Grabungsergebnissen von 1997-1998 während des 7.-9. Jh.s bewohnt (Trier 2002, 275).
Die Bügelfibel befindet sich derzeit im Römischen Museum Augsburg.

2. Inschriftobjekt
Die kleine silberne Bügelfibel ist feuervergoldet und wurde 1844 gefunden. Sie ist 10,15 cm lang und besitzt eine halbrunde Kopfplatte (Krause/Jankuhn 1966, 294). 14 eng aneinander liegende ("zusammengewachsene") runde Knöpfe bilden ihren Abschluß am Außenrand. Der Bügel ist nur leicht gebogen und durch einen Steg längs geteilt. In der Bügelmitte fehlt eine runde Einlage. Die Fußplatte ist oval und läuft in einem vergleichsweise großen Tierkopf aus, dessen runde Augen ursprünglich mit heute fehlenden Einlagen versehen waren (Franken 1944, 45). Die Oberfläche des Objektes ist vollständig mit Ornamenten im Tierstil I überzogen (Haseloff 1981, 551-569). Auf der Rückseite ist an den Seiten des Fußes eine deutliche Rinne zu erkennen. Der Tierkopf, der Bügel und die Knöpfe sind hohl gegossen.

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die rechtsläufige Inschrift auf der Rückseite der halbrunden Kopfplatte der Fibel wurde erst mit erheblicher Verzögerung im Jahr 1877 entdeckt (Arntz/Zeiss 1939, 277). Die Runen sind in der Mitte des Halbrundes angebracht und vollziehen diese Form mit leichter Biegung nach. Über den Anbringungszeitpunkt der Inschrift liegen keine Erkenntnisse vor

4. Verbreitung und Datierung
Der flächige Tierstil bezeugt nordische Einflüsse, die seit der Mitte des 6. Jh.s in diesem Raum zu fassen sind (Martin 2004, 178f.). Die Fibel gehört zur Fibelgruppe Nordendorf/Bopfingen/Straubing nach Haseloff (1981, 551-569). Aufgrund der Ähnlichkeit mit den Bügelfibeln aus Bopfingen und Straubing dürfte die Bügelfibel II aus Nordendorf in die Mitte oder die zweite Hälfte des 6. Jh.s zu datieren sein, wobei der Tierstil I seinen Höhepunkt wohl in der Mitte des 6. Jh.s erreichte (Haseloff 1981, 566-569).

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Die Bestattungen auf dem vergleichsweise schlecht ausgegrabenen Reihengräberfeld ermöglichen keine genauere soziale Einordnung der bestattenden Bevölkerungsteile. Dennoch geben die beiden silbervergoldeten Fibeln Nordendorf I und II schon allein wegen ihres Materialwertes Hinweise auf vorhandenen Wohlstand ihrer Besitzer. Inwieweit dieser auch auf eine gehobene soziale Stellung übertragen werden kann, muß offen bleiben. Allerdings treten um die Mitte des 6. Jh.s auf dem Gräberfeld verstärkt Bestattungen mit reichen Beigaben auf, bei denen es sich offenbar um eingewanderte Franken handelte (Trier 2002, 274). Diese übernahmen wahrscheinlich nach der Eingliederung der Raetia II gehobene Aufgaben und verfügten über entsprechenden Wohlstand. Zudem gelten die silbernen Bügelfibeln der älteren Merowingerzeit als Statussymbol der Oberschicht, das einzig sozial hoch stehenden Frauen vorbehalten war (Martin 2004, 191).

Literatur:
Arntz/Zeiss 1939; Düwel 2002i; Franken 1944; Haseloff 1981; Krause/Jankuhn 1966; Martin 2004; Opitz 1977; Trier 2002.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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