Steckbrief: Bügelfibel I von Nordendorf (Bayern, D)

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Inschrift:   loga(1?)ore | wodan(0-1?) | wig(1-2?)þ(0-1?)onar | (awal)eubwini(1-3?) |
Standardausgabe:   KJ151; O33
Archäologische Datierung:   540-590
Aufbewahrungsort:   Römisches Museum Augsburg
Kommentar:   Archäologische Datierung: Die Bügelfibel vom Typ Cividale wird in die Mitte oder das dritte Drittel das 6. Jh.s datiert (Werner 1962, 70; Trier 2002, 274).
Archäologischer Text:  

Bügelfibel I von Nordendorf

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Die Bügelfibel I von Nordendorf (KJ151, O33), Ldkr. Augsburg, Bayerisch-Schwaben, Bayern, wurde beim Eisenbahnbau gefunden. Der Fundplatz liegt auf der fruchtbaren Niederterrasse des Lech, die mit Auelehm bedeckt ist (Trier 2002, 274). Das große Reihengräberfeld von Nordendorf wurde 1843 entdeckt. Insgesamt konnten 448 Bestattungen untersucht werden, womit die Ausdehnung des Gräberfeldes nahezu vollständig erfaßt worden sein dürfte. Auf dem Gräberfeld war nur eine sehr geringe Beraubung festzustellen, wodurch die reichen Beigaben überwiegend erhalten geblieben sind (Trier 2002, 274). Allerdings sind bei der Ausgrabung nur wenige Grabzusammenhänge ausreichend dokumentiert worden. Von dem Gros der Funde sind deshalb keine Kontexte mehr bekannt, auch weil ein Teil der Unterlagen verlorenging (Franken 1944, 38; Krause/Jankuhn 1966, 292; Trier 2002, 274). Dies betrifft auch die beiden Bügelfibeln Nordendorf I und Nordendorf II, von denen lediglich die wahrscheinliche Herkunft aus Frauengräbern angeführt werden kann (Düwel 2002i, 275f.).
Auch die zu dem Gräberfeld gehörende Siedlung ist teilweise untersucht worden. Sie lag direkt an der Via Claudia, der in der Antike wichtigsten Straßenverbindung mit Italien, die auch im Frühmittelalter noch eine bedeutende Rolle spielte. In der Merowingerzeit hatte sie eine entscheidende militärische Bedeutung. Qualitätvolle Importe belegen den Zugang von Nordendorf zum Mittelmeerhandel (Trier 2002, 274f.). Die Siedlung Nordendorf war nach den Grabungsergebnissen von 1997-1998 während des 7.-9. Jh.s bewohnt (Trier 2002, 275).
Die Bügelfibel befindet sich derzeit im Römischen Museum Augsburg.

2. Inschriftobjekt
Die Bügelfibel I von Nordendorf wurde bereits 1843 gefunden. Die silberne Fibel ist feuervergoldet und 12,85 cm lang (Krause/Jankuhn 1966, 292). Sie gliedert sich in eine rechteckige Kopfplatte, einen Bügel und ein halbkreisförmig auslaufendes, barockes Fußende. In dem Halbkreis ist eine menschliche Maske dargestellt. Alle drei Elemente zeigen flächendeckende ornamentale Verzierungen. Am Übergang zum Bügel sind rechts und links am Fußteil zwei hervorstehende Tierköpfe angebracht. Die Fibel wurde wahrscheinlich mit der Kopfplatte nach unten getragen (Opitz 1977, 33).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Die Runen auf der Rückseite der Bügelfibel wurden erst 1865, also 18 Jahre nach der Ausgrabung, entdeckt (Arntz/Zeiss 1939, 276). Auf der Rückseite der rechteckigen Kopfplatte sind vier rechtsläufige Runensequenzen erkennbar. Auf der linken Seite des Nadelhalters erstreckt sich eine dreizeilige Inschrift, die den Raum vom oberen bis zum unteren Ende der Kopfplatte fast vollständig einnimmt. Kopfständig und gegenläufig zur letzten Zeile dieser Gruppe verläuft eine vierte Sequenz. Sie beginnt am unteren rechten Rand der Kopfplatte und endet dicht vor der letzten Rune der untersten Zeile der dreizeiligen Inschrift. Die letzten Runen dieser vierten Sequenz sind zum Ende hin sehr gedrängt, teilweise sogar gestaucht, um sie in den zur Verfügung stehenden Raum einzupassen (Krause/Jankuhn 1966, 292; Opitz 1977, 33).

4. Verbreitung und Datierung
Insgesamt ist die Form der Bügelfibel von nordischen Vorbildern beeinflußt, eine Entwicklung, die ab der Mitte des 6. Jh.s beobachtet werden kann (Martin 2004, 179). Der Fußabschluß mit einer menschlichen Maske ist bereits eine entwickelte Form dieses Typs (Martin 2004, 178). Die Bügelfibel vom Typ Cividale muß demnach in die Mitte oder das dritte Drittel das 6. Jh.s datiert werden (Werner 1962, 70; Trier 2002, 274). Das Stück stammt möglicherweise aus der Provinz Pannonien und gelangte eventuell mit den einwandernden Langobarden nach Nordendorf (Trier 2002, 274). Allerdings wurde in der älteren Literatur auch eine alamannische Herkunft diskutiert (Krause/Jankuhn 1966, 294). 

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Die Bestattungen auf dem vergleichsweise schlecht ausgegrabenen Reihengräberfeld ermöglichen keine genauere soziale Einordnung der bestattenden Bevölkerungsteile. Dennoch geben die beiden silbervergoldeten Fibeln Nordendorf I und II schon allein wegen ihres Materialwertes Hinweise auf vorhandenen Wohlstand ihrer Besitzer. Inwieweit dieser auch auf eine gehobene soziale Stellung übertragen werden kann, muß offen bleiben. Allerdings treten um die Mitte des 6. Jh.s auf dem Gräberfeld verstärkt Bestattungen mit reichen Beigaben auf, bei denen es sich offenbar um eingewanderte Franken handelte (Trier 2002, 274). Diese übernahmen wahrscheinlich nach der Eingliederung der Raetia II gehobene Aufgaben und verfügten über entsprechenden Wohlstand. Zudem gelten die silbernen Bügelfibeln der älteren Merowingerzeit als Statussymbol der Oberschicht, das einzig sozial hoch stehenden Frauen vorbehalten war (Martin 2004, 191).

Literatur:
Arntz/Zeiss 1939; Düwel 2002i; Franken 1944; Krause/Jankuhn 1966; Martin 2004; Opitz 1977; Trier 2002; Werner 1962.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

 

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