Steckbrief: Schnallenrahmen von Weimar (Thüringen, D)

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Inschrift:   ida ˈ b(1?)igina ˈ hahwar ˈ | ˈ awimund ˈ isd ˈ (le)o(b) | idun ˈ |
Standardausgabe:   KJ148; O51
Archäologische Datierung:   510-540
Aufbewahrungsort:   Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte (Inv.-Nr. IIb 3108h)
Kommentar:   Aufbewahrungsort: Das Objekt galt nach 1945 als verschollen (vgl. z.B. Opitz 1977, 47), wurde aber inzwischen im Museum in Berlin wieder aufgefunden (vgl. Fenge 1995). Archäologische Datierung: Der Schnallenrahmen stammt, ebenso wie die Bernsteinperle, aus Grab 56. Das Grabinventar dieser Bestattung kann über die enthaltenen Kleinfibeln in die erste Hälfte des 6. Jh.s datiert werden, obgleich die großen Bügelfibeln fehlen. Die Amulettperlen deuten auf eine Datierung eher in das erste Viertel des 6. Jh.s hin.
Archäologischer Text:  

Schnallenrahmen von Weimar

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Der Schnallenrahmen von Weimar (KJ148, O51) ist eines von insgesamt vier Objekten aus dem Weimarer Nordfriedhof, Stadt Weimar, Thüringen, mit Runenritzung (s. auch Bügelfibel A von Weimar, Bügelfibel B von Weimar, Bernsteinperle von Weimar). Inmitten der Thüringer Beckenlandschaft an der Ilm gelegen, bot das Umfeld von Weimar siedlungsgünstige Bedingungen. Im Nordosten der Stadt wurde an der Meyer-Fries-Straße bereits 1886 ein Friedhof („Nordfriedhof“) entdeckt. Im Zuge von Baumaßnahmen wurden zwischen 1895 und 1902 88 Gräber größtenteils unsachgemäß gegraben, teilweise allerdings auch durch Prof. A. Götze, Berlin geborgen (Götze et al. 1909; Götze 1912; Fenge 1995, 110). 1956/57 konnte Behm-Blancke (1957, 136ff.) weitere 14 Gräber untersuchen. 1999 wurden schließlich zwei bereits ausgegrabene Gräber nochmals freigelegt und ein weiteres neu gefunden (Timpel 2006, 389). Insgesamt liegen bis heute 103 Bestattungen vor. Das Gräberfeld dürfte ursprünglich etwa 130-150 Bestattungen aus der zweiten Hälfte des 5. bis in das 7. Jh. umfaßt haben (Timpel 2006, 389). Es wuchs erst im Verlauf des 6. Jh.s zusammen, vorher bestanden voneinander abgesetzte Belegungsgruppen, die vermutlich einzelne Sippen von Wirtschaftshofverbänden widerspiegelten (Timpel 2006, 389). In zwei Frauenbestattungen (Grab 56 und 57) befanden sich je zwei Beigaben mit Runeninschriften. Beide Gräber lagen direkt nebeneinander und gehörten sicherlich zu einer Familie bzw. einer Wirtschaftseinheit (Gräbergruppe 3 im Südosten des Friedhofs [Timpel 2006, 392]).
Der Schnallenrahmen von Weimar stammt aus Grab 56: Die Frau in dem Grab war mit einem umfangreichen Beigabenensemble niedergelegt worden. Neben den beiden Objekten mit Runeninschrift (s. auch Bernsteinperle von Weimar) waren ihr noch eine goldene Zikadenfibel mit Almandineinlagen, eine cloisonnierte Vogelfibel mit Almandineinlagen und grünen Einlagen in Mitte und Augen, ein goldener, almandinverzierter Anhänger, zwei Goldscheibenanhänger mit aufgelöteter Filigranverzierung, ein kleiner Goldzylinder, zwei Glasperlen, eine Goldperle mit Filigranverzierung, 5 Schlüssel aus Bronze und Eisen, ein Eisenschaber, ein Dreilagenkamm und weitere Metallfragmente aus Silber, Bronze und Eisen ins Grab gegeben worden (Schmidt 1970, 84).
Die Objekte befinden sich in der Sammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte.

2. Inschriftobjekt
Die bronzene Schnalle in Form eines Doppelrahmens ist 3,7 x 3,9 cm groß. Es handelte sich um einen Schieberahmen ohne Dorn, bei dem das freie Gürtelende durch beide Öffnungen des Doppelrahmens und über den Steg geführt werden mußte. Neben den insgesamt drei Runenritzungen sind keine weiteren Verzierungen erhalten.

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Auf dem Schnallenrahmen sind insgesamt drei Runenfolgen angebracht. Zwei davon füllen den Mittelsteg an Vorder- und Rückseite vollständig aus (Schrifthöhe ca. 0,7 cm), die dritte ist kürzer gehalten und setzt sich vom Mittelsteg rechtwinklig an einer Seite des Rahmens fort. Die an der Schnalle erkennbaren Abnutzungsspuren betreffen auch alle Runenritzungen, die aus diesem Grund schon lange Zeit vor der Grablege angebracht worden sein müssen (Fenge 1995, 115). Die auf Vorder- und Rückseite differierende Abnutzung ist möglicherweise auf die Lage im Grab oder aber die Trageweise zurückzuführen. Es gilt als unsicher, ob beide Objekte aus dem Grab von gleicher Hand geritzt wurden, verschiedene Runenformen auf dem Schnallenrahmen und der Bernsteinperle sind möglicherweise auf das unterschiedliche Material zurückzuführen (Nedoma/Düwel 2006, 396).

4. Verbreitung und Datierung
Das Grabinventar aus Bestattung 56 kann über die enthaltenen Kleinfibeln in die erste Hälfte des 6. Jh.s datiert werden, obgleich die großen Bügelfibeln fehlen. Die Amulettperlen deuten auf eine Datierung eher in das erste Viertel des 6. Jh.s hin.

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
In dem Gräberfeld sind deutlich einzelne Gruppen bzw. Familienverbände feststellbar (Timpel 2006, 391 Abb. 391). Dabei ist anhand der Grabbeigaben die gehobene soziale Position einzelner Familien klar erkennbar. Diese Oberschicht fehlt in zwei gleichzeitigen Gräberfeldern aus dem südlichen Stadtbereich von Weimar. Der Vergleich der drei räumlich eng beieinander liegenden Bestattungsplätze zeigt, daß auf dem „Nordfriedhof“ Familienverbände beerdigt wurden, deren gehobener Einfluß sich über ein größeres Gebiet erstreckt haben wird (Behm-Blancke 1970, 266f.). Die beiden Frauenbestattungen in den Gräbern 56 und 57 gehören zu einer reich ausgestatteten Grabgruppe, die wohl einen wohlhabenden Wirtschaftsverband repräsentierte. Dem Familienverband kann zweifellos eine gehobene soziale Position zugesprochen werden. Behm-Blancke (1970, 270) spricht beide Bestattungen als Adelsgräber an. Wie eng die Verbindungen zum thüringischen Königshof tatsächlich waren, vermag anhand der Grabbefunde jedoch nicht geklärt werden.

Literatur:

Behm-Blancke 1957; 1970; Fenge 1995; Götze 1912; Götze et al. 1909; Nedoma/Düwel 2006; Schmidt 1961; 1970; Timpel 2006.

Annette Siegmüller
(Stand: 2008)

 

 

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