Steckbrief: Knochenstück von Ødemotland (Rogaland, N)

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Inschrift:   uh(a)urtebu(1?)inu(f)i(1?)dþ(3-4?) | ue(3?)wa(1?)i(2?)nfþi(1?)i(4?)nu(1?) |
Standardausgabe:   KJ29Anm2; NIæR17
Archäologische Datierung:   ?
Aufbewahrungsort:   Bergen Museum (Inv.-Nr. B4384)
Kommentar:   Träger: Vgl. das Amulett von Lindholmen. Archäologische Datierung: Das runenbeschriftete Knochenstück wurde 1886 erworben und soll der örtlichen Überlieferung zufolge aus einem flachen Grabhügel stammen. Eine Nachuntersuchung des Hügels im Jahr 1891 förderte u.a. verbrannte Knochen und Bruchstücke eines Keramikgefäßes mit Henkel (Typ: Rygh 1885, Abb. 361) zutage (Shetelig 1914-1924, 36-41; Magnus 1968, 128), was auf eine Stellung des Grabs im späten 4. bzw. 5. Jh. hindeutet. Zur zeitlichen Einordnung wurde aber auch die Verzierung am seitlichen Abschluß des Knochenstücks herangezogen: Können die Tierköpfe dem entwickelten Tier-Stil I zugewiesen werden, muß das Fundstück dem fortgeschrittenen 6. Jh. angehören (Shetelig 1914-1924, 36-41; Kristoffersen 2000, 61). Eine abschließende Beurteilung zur Datierung ist nicht vorzunehmen, denn eine jüngere stilistische Analyse zum Dekor des Knochenstücks fehlt, und es ist nicht mit Sicherheit nachzuweisen, daß das 1891 geborgene Gefäß mit Henkel wirklich zur Bestattung von 1886 gehörte.
Archäologischer Text:  

Knochenstück von Ødemotland

1. Fundgeschichte und Fundkontext
Das bearbeitete Knochenstück von Ødemotland, Hå kommune (Rogaland) aus Flach-Jæren südlich von Stavanger, ein Grabfund, gehört zu der Gruppe von norwegischen Kleinfunden mit Runenbeschriftung (Norwegische Kleinfunde). Im Jahr 1886 erwarb das Bergens Museum eine Urne mit dem runenbeschrifteten Knochenstück, verbrannten Knochen und Resten eines Knochenkammes mit dreieckiger Griffplatte. 1891 wurde eine Nachgrabung in einem flachen Hügel unternommen, aus dem nach Angaben der örtlichen Bevölkerung die Funde von 1886 stammten. Dabei wurden Fragmente eines Henkelgefäßes (Rygh 1885, Abb. 361), eines weiteren Kammes mit dreieckiger Griffplatte, einer Knochenschiene, Rostklümpchen, verbrannte Knochen sowie ein umgelagertes steinzeitliches Werkzeug zutage gefördert. Wenn auch unter Vorbehalt, so können die Funde beider Grabungen von einer einzigen Bestattung, die flach überhügelt wurde, stammen (Olsen/Schetelig 1914-1924, 36-41; Magnus 1968, 128).

2. Inschriftobjekt
Das gebogene Objekt aus Tierknochen (Elch, Hirsch etc.) ist nur fragmentarisch erhalten, ein Ende ist abgebrochen. Das noch vorhandene Stück hat eine Länge von 9,7 cm. Die Dicke am bewahrten originalen Ende beträgt 1,5 cm, sie nimmt in Richtung des anderen Endes mit der Abbruchkante ab. Das Fragment besitzt zwei Schrägflächen, an deren Kanten doppelte Linien zu finden sind. Das Knochenstück wurde während der Brandbestattung durch Feuereinwirkung kalziniert (Bugge 1891-1903, 243f.).

3. Anbringung und Zustand der Inschrift
Wie auf dem Amulett von Lindholmen wurde auf den beiden aneinanderstoßenden Schrägflächen je eine Runenzeile in der Weise angebracht, daß die oberen Bereiche der Runen beider Zeilen gegeneinanderstehen. Auch hier wurden viele Striche der einzelnen Runenzeichen mehrfach ausgeführt. Eine der beiden Zeilen verläuft linksläufig, die andere rechtsläufig. Die Inschriftzeilen sind nicht nur ober- und unterhalb durch Doppellinien, sondern auch jeweils am Anfang und am Ende durch einen senkrecht verlaufenden zweifachen Strich eingerahmt. Am original erhaltenen Ende des Knochenfragments ist auf beiden Inschriftseiten je ein spitz zulaufendes Dekorfeld und am schmaleren, abgebrochenen Ende ebenfalls jeweils eine Verzierung zu finden (Bugge 1891-1903, 244-246; Krause/Jankuhn 1966, 72 Anm. 2).

4. Verbreitung und Datierung
Insgesamt 18 norwegische Kleinfunde sind mit Runen beschriftet, zum überwiegenden Teil handelt es sich dabei um Grabbeigaben. Im Hinblick auf die Form- und Inschriftmerkmale zeigt das Fundstück von Ødemotland Ähnlichkeiten mit Moorfunden aus Lindholmen, einem schlangen-/fischförmigen Amulett, bzw. Kragehul (das im Jahr 1750 gefundene Knochenstück ist später verloren gegangen). Zur zeitlichen Einordnung des Objekts aus Ødemotland wurde von Shetelig die Verzierung auf dem original erhaltenen Ende herangezogen. Diese gehört dem entwickelten Tierstil I an und datiert um die Mitte des 6. Jh.s (Olsen/Schetelig 1914-1924, 39f.). Die jüngere Forschung nimmt aufgrund dieser Verzierung eine zeitliche Zuordnung  in das fortgeschrittene 6. Jh. vor (Kristoffersen 2000, 61). Das voll entwickelte Henkelgefäß (Rygh 1885, Abb. 361) und der Kamm mit dreieckiger Griffplatte, die allgemein im Zeitraum vom 4. - 6. Jh. nachzuweisen sind, würden einer solchen Datierung nicht widersprechen, doch im Falle der Keramik bedürfte es einer gesonderten Betrachtung (Straume 1987, 16; Hoftun 1993, 34).

5. Kulturhistorische/Sozialgeschichtliche Interpretation
Weder das Fundstück noch das Grab bzw. das Gräberfeld des 5./6. Jh.s deuten auf ein sozialgeschichtlich bedeutendes Fundmilieu hin (Olsen/Schetelig 1914-1924, 38f.). Zahlreiche reich ausgestattete Gräber von den angrenzenden historischen Gehöften könnten als Anzeiger für einen Großhof und hierarchisch nachgestellte Siedlungen der Völkerwanderungszeit angesehen werden (Rønneseth 1986; Løken 2001; Stylegar/Grimm 2004; Grimm 2010, 40-42; vgl. auch Myhre 1987). Ødemotland hatte im betrachteten Zeitraum jedoch eine lediglich nachrangige Position gegenüber den topographisch und archäologisch weitaus markanteren Fundgebieten bei Tu oder Fosse.

Literatur:
Bugge 1891-1903; Grimm 2010; Hoftun 1993; Krause/Jankuhn 1966; Kristoffersen 2000; Løken 2001; Magnus 1968; Myhre 1987; Olsen/Schetelig 1914-1924; Rygh 1885; Rønneseth 1986; Straume 1987; Stylegar/Grimm 2004.

Oliver Grimm (letzte Bearbeitung 2010)

 

 

 

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